Marcia Bjornerud: Zeitbewusstheit

Nach heutigen Erkenntnissen ist die Erde ca. 4,5 Milliarden Jahre alt. Der heutige Mensch tauchte erst von ca. 300.000 Jahren auf.  Einem beliebtem Bild nach, wenn man die Zeit der Existenz der Erde als einen Tag betrachtet, erschien Homo in der letzten Sekunde vor Mitternacht. Aber was kommt in diesem Bild eigentlich nach Mitternacht? So widmet sich Marcia Bjornerud, Geologin, gleich mehreren Fragen, von der, wie die Erde kurz nach ihrem Entstehen aussah, wie sie sich in den Milliarden Jahren verändert hat, welche Rolle der Mensch dabei spielt und wie die Geschichte wohl weitergeht. Das Ende ist klar, in ca. drei Milliarden Jahren wird die Sonne immer heißer, dehnt sich aus und verschluckt die meisten Planeten, die sie heute umkreisen. Dazu nimmt Bjornerud den Leser mit auf eine Reise durch die Zeit aus geologischer Sicht. So weit unserer heutiger Wissensstand dazu ausreicht, denn viele Fragen sind noch lange nicht beantwortet. Warum gab es mindestens fünf große Phasen des Massensterbens auf der Erde, wobei das Sterben der Dinosaurier am Ende der Kreidezeit noch das harmloseste war? Auch noch nicht ganz geklärt ist, wieso die Erde mehrmals ihre Atmosphäre gewechselt hat. Die erste enthielt noch gar keinen Sauerstoff, erst Cyanobakterien sorgten für wenige Promille. Trotz vieler unbeantworteter Fragen haben wir heute ein klareres Bild der Erde, wie wir sie jetzt kennen, doch auch das erst mit dem 20 Jahrhundert. Wie entstanden Gebirge? Die Theorie der Plattentektonik entstand erst 1960. Aber Bjornerud geht weiter. Sie blickt genau so aus ökologischen und ökomischen Sichtweisen darauf, dass der Mensch in wenigen Jahrhunderten die Erde stärker verändert hat als die Natur über Jahrmillionen. Also ein geologischer und ein ökologischer Ritt durch die Zeit. Die wir Menschen völlig falsch einschätzen.

Die Geologie ist eine noch recht junge Wissenschaft, erste Emanzipation von Physik und Chemie geschah zur Zeit von Königin Victoria. Wobei die Geologie es schwer hat, weil sie in immens großen Zeiträumen und Abläufen forscht. Einen wirklichen Schub gab es erst Mitte des 20. Jahrhunderts, als moderne Messverfahren genauere Aussagen und Analysen lieferten. Wenigstens wissen wir dadurch, dass kein Gestein mehr aus der Anfangszeit der Erde mehr existiert. Die ältesten Gesteine, die heute noch zu finden sind, haben 2,5 Milliarden Jahre auf dem Buckel. Einige Mineralien dagegen haben überlebt, wie Feldspate und andere seltenen Funde in altem Vulkangestein. Aus den Grundlagen geht es in diesem Buch dann in die Erdgeschichte, wobei es weniger um Biologie und Chemie geht. Daraus schält sich die Erkenntnis heraus, dass die Erde nur seit sehr kurzer Zeit so ist, wie wir sie heute kennen. Es hat große Umbrüche gegeben, Zeiten, in denen die Erde eine einzige Eiskugel war, gefolgt von Perioden heftigsten Klimawandels. Nicht Menschen waren dafür verantwortlich, sondern eine Phase hoher Aktivität von Vulkanen. Erst spät kommen Lebewesen hinzu, als erste die, die heute noch 50% der Biomasse des Planeten ausmachen: Bakterien und Mikroben. Sie waren diejenigen, die alle Artensterben und Klimakatastrophen fast unbeschadet überlebt haben. Und es auch in Zukunft tun werden. Doch läuft es dann auf die drängende Frage hinaus, wie sich die brutalen und rücksichtslosen Veränderungen auswirken, die der Mensch in unfassbar kurzer Zeit, nämlich wenige Jahrhunderte, der Erde hinzu fügt.

Was die Zukunft der Erde angeht, kann man eher in der ferneren Zukunft nahezu sichere Aussagen treffen. In spätestens zwei Milliarden Jahren, wenn die Sonne zu einem roten Riesen wird, wird kein Leben auf der Erde mehr möglich sein. Die Kontinente werden sich wieder umarrangiert haben, bis dahin könnten noch einige Eiszeiten anstehen. Was bis dahin geschieht, hängt zu einem großen Teil davon ab, was wir Menschen in den nächsten einhundert Jahren treiben. Das führt zu einer Erklärung des Buchtitels. Moderne Menschen begreifen nur noch die Gegenwart, die Vergangenheit wird als abgeschlossen betrachtet. Dabei begreifen sie nicht, dass die Vergangenheit Teil der Gegenwart ist, weshalb sie auch die Zukunft ignorieren. Wir halten uns für den Mittelpunkt des Universums, haben jedoch schon Schwierigkeiten, nur wenige Generationen voraus oder zurück zu denken. Andere Kulturen, wie die amerikanischen Ureinwohner oder die Völker des hohen Nordens, dachten da anders. Für sie sind Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft untrennbar verbunden. Sie verehren die Ahnen, und denken an kommende Generationen, für die sie verantwortlich sind. Wir modernen Menschen starren dagegen auf unsere Smartphones, verpesten in wenigen Jahrhunderten Luft, die Millionen von Jahren zum Entstehen gebraucht hat. Wir konsumieren und verschwenden Ressourcen, die nicht wieder zu bringen sind. Keine neuen Erkenntnisse, jedoch in diesem Zusammenhang aus geologischer Sichtweise betrachtet, in Zeitrahmen von Milliarden Jahren, wird die Unsinnigkeit, wenn nicht Blödheit, unseres Handels nur noch deutlicher. Am Ende hat Bjornerud auch einen Forderungskatalog, der sich von dem anderer Wissenschaftler, ob Geistes- oder Naturwissenschaften, im Grunde wenig unterscheidet. Nur dass darin die Geologie eine große Rolle spielt. Um zu begreifen, welche Rolle und Bedeutung wir tatsächlich haben. Nicht, welche wir uns einbilden.

Ich wusste übrigens auch noch nicht, dass die Erde nicht stoisch um die Sonne kreist, sondern ein wenig taumelt. Nicht zuletzt Ursache der Eiszeiten auf diesem Planeten. Wahrscheinlich. Auch ist mir erst jetzt einigermaßen klar, wie Erdbeben entstehen und warum. Von einer Art sehr langsamer Erdbeben, die wir gar nicht spüren, hatte ich ebenso keine Ahnung. Wer noch nie etwas mit Geologie zu tun hatte, findet hier ein wahrlich beeindruckendes Buch mit wissenschaftlichen Einblicken, klugen Gedanken und einer guten Portion Lebensweisheit. Leider hat das Buch auch Schwächen. In der ersten Hälfte, bei den Grundlagen der Geologie, hagelt nur so unerklärte Fachbegriffe, die das Lesen erschweren. Gerade in diesen Abschnitten versagt dazu der Übersetzer zu einem Teil. Die Sätze werden sehr schwer lesbar und kryptisch. Zum Glück lässt das in der zweiten Hälfte, wenn es wieder mehr um Ökologie und die Folgen unseres Fehlverhaltens geht. Hat man diese Durststrecken hinter sich, kann man tatsächlich ganz neue Erkenntnisse mitnehmen und Wissen über eine wenig populäre Wissenschaft bekommen. So dass Zeit zu einer anderen Dimension wird, als die wir sie uns lange vorgestellt haben.

Mehr zu Marcia Bjornerud beim Verlag Matthes & Seitz Berlin  

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