Nick Reimer/Toralf Staud: Deutschland 2050

Die Veränderung des Klimas auf der Erde, das Steigen der Jahres-Durchschnittstemperaturen, all das sind keine Erkenntnisse des 21. Jahrhunderts. Schon in den Achtzigern des letzten Jahrhunderts fielen diese rapiden Veränderungen Wissenschaftlern auf. Nicht umsonst warnte schon 1992 der Club of Rome in seinem Bericht Neue Grenzen des Wachstums vor den Auswirkungen der zunehmend freigesetzten Treibhausgase. Seitdem gibt es tausende von Berichten und Analysen, die die Erderwärmung nicht nur erklären, sondern auch beweisen. Was bisher fehlte, jedenfalls in der deutschen Literatur, war eine Art Meta-Betrachtung all dieser Daten. Das holen Nick Reimer und Toralf Staud in diesem Buch nach. Bezogen auf das Wissen, das wir heute über die Erderwärmung haben, wie sieht demnach im Jahre 2050 die Lage in Deutschland aus? Was sind die Auswirkungen für Deutschland, auf Wirtschaft, Gesellschaft, Umwelt, Gesundheit und Lebensqualität? Die Grundlage für das Buch sind Zahlen, Daten und Fakten. Natürlich sind es letztendlich Projektionen und Prognosen. Wer aber im Physik- und Chemieunterricht in der Schule halbwegs wach war, kann die Schlüsse und Folgerungen der Autoren mühelos nachvollziehen. Das Ergebnis müsste eigentlich mindestens alle Politiker und Wirtschaftsmenschen in helle Panik versetzen. Den normalen Bürger genau so. Warum das eben nicht so ist, versucht ein Interview als letztes Kapitel zu klären. Danach kann ich am Ende nur so zusammen fassen: Es sieht übel aus.

Die Autoren beschränken sich aber nicht auf Prognosen, sondern beginnen mit der Historie der Klimaforschung, einer Erklärung der Klimamodelle, wie sie berechnet werden und welche Methoden zugrunde liegen. Dieses Vorwissen nutzen sie, um in den folgenden Kapiteln die Auswirkungen der Erderwärmung abhängig von eben diesen Klimamodellen zu beschreiben. Deshalb auch nicht nur der Blick auf das Jahr 2050, sondern auch Projektionen bis ins Jahr 2100. Die Erwärmung der Erde hat aber in den verschiedenen Aspekten ganz unterschiedliche Folgen. Deshalb werden nach der Grundlagenbildung diese Bereiche jeweils im Detail betrachtet, wie zum Beispiel die Konsequenzen für die Menschen, die Natur, das Wasser, den Wald, die Städte und Küsten bis zum Tourismus und zur Sicherheit. Das letzte Kapitel bildet ein Interview mit dem Soziologen Ortwin Renn. Renn erklärt den heutigen Menschen immer noch als Savannenbewohner, der zwar auf kurzfristige Bedrohungen reagiert, dem aber langfristige Veränderungen entgehen. Wie der Klimawandel. Was nicht direkt und sofort erspürt werden kann, existiert nicht. Eine weitere Sorte Mitmenschen sind diejenigen, die zu Veränderungen nicht bereit oder nicht fähig sind. Sollen doch erst einmal die Chinesen … ein recht erhellender Abschnitt über menschliches Verhalten. An einem Punkt ist Renn weiter als alle unsere Politiker, nämlich in der Feststellung, dass wir nicht noch weitere in Leere führende Absichtserklärungen brauchen, sondern ein Narrativ. Eine Geschichte, warum es uns mit den notwendigen Veränderungen nicht schlechter geht, sondern besser. Einschließlich der Tatsache, dass selbst ein sofortiger Verzicht auf Treibhausgase sich erst in 50 oder 60 Jahren auswirken wird.

Reimer und Staud verzichten in ihrem Buch auf jeden Alarmismus und jede Panikmache. Es geht in diesem Buch um Fakten und deren Folgen. Es geht um Erkenntnisse der Wissenschaft, Meteorologen, Physiker, Geologen, Mediziner. Was ich in diesem Buch zum ersten Mal gelesen habe, sind die vielen Auswirkungen des Klimawandels, die wir nicht auf dem Schirm haben. Dass das Auftauen weiter Gebiete der Alpen zu einem Verlust des stabilisierenden Effekts des Eises führt, damit zum Zerbröseln von Matterhorn und Zugspitze. Dass der mittlere Pegelstand der Nordsee am Messpunkt Cuxhaven schon heute 40 Zentimeter über dem des 19. Jahrhunderts liegt, obwohl vor 1950 dieser Pegel höchstens um wenige Zentimeter schwankte. Dass unsere Energieversorgung bei zunehmender Trockenheit und sich ausweitenden Hitzewellen eine ganz labile Sache wird, weil fehlendes Kühlwasser und nicht dafür ausgelegte Technik uns den Strom abdrehen. Dass bei den ungünstigsten Prognosen in 2100 Hannover und Osnabrück Küstenstädte sein werden, wenn der Eispanzer auf Grönland und in der Antarktis geschmolzen sind. Und es gibt Anzeichen dafür, dass sie angefangen haben. Wie die Permafrostböden in Sibirien, und auch das könnte ein nächster Kipppunkt sein, unwiderruflich und unabänderbar.

Es geht nicht darum, den Leser zu schockieren. Es geht um die Daten und Fakten, die wir heute zuverlässig haben. Wer in diesem Deutschland im Jahre 2050 gerne halbwegs verträglich leben will, muss heute umfassende Maßnahmen einleiten. In diesem Buch kann man nachlesen, was ein ewiges Weiter-So der Politik zur Folge hat. Denn die Wirtschaft hat schon lange begriffen, wohin die Sache führt. Weshalb einer der größten Treibstoffproduzenten schon vor Jahrzehnten eigene Forschungen anstellte. Selbst die sind heute allgemein zugänglich. Was jetzt noch fehlt, ist eine Politik, die den Mut und die Stirn hat, ganz schnell die Handbremse zu ziehen. Wie es aussieht, wenn nicht, kann man in diesem Buch wunderbar nachlesen.

Nick Reimer gründete während der politischen Wende 1989/1990 in Freiberg die erste überregionale Umweltzeitschrift der DDR, ÖkoStroika. Er war 1989 Mitgründer und einer der Sprecher des Neuen Forums Mittelsachsen. Nach Abschluss seines Studiums volontierte er 1993 bei der Berliner Zeitung. 1996 wurde er Reporter der Morgenpost in Sachsen, 1998 Korrespondent der taz. Von 2000 bis 2011 war er Wirtschaftsredakteur der taz und zuständig für Klima und Energie. Bis 2016 war er Chefredakteur des Onlinemagazins klimaretter.info. Als freier Journalist schreibt er für Freitag, taz, Telepolis und andere Medien. Seit 2015 ist er Kurator bei piqd. Gemeinsam mit dem Journalisten Toralf Staud erhielt er 2012 den Otto-Brenner-Preis in der Kategorie Medienprojekte für die Onlineplattform Der Klima-Lügendetektor. 2014 hatte er einen Lehrauftrag für Nachhaltigkeit und Journalismus an der Universität Lüneburg.

Toralf Staud arbeitete während der politischen Wende 1989/1990 in Salzwedel (Sachsen-Anhalt) bei einem Informationsblatt des oppositionellen Neuen Forums mit und fasste hier den Entschluss, Journalist zu werden. Wenig später war er bei der neu gegründeten Altmark Zeitung tätig. Nach Abschluss von Schule und Zivildienst studierte Staud von 1991 bis 1998 Journalistik (Diplom) und Philosophie (Nebenfach) in Leipzig und Edinburgh. Während und nach dem Studium arbeitete er als freier Journalist, unter anderem für AP, MDR info, die tageszeitung und Die Zeit. Von 1998 bis 2005 war er Politik-Redakteur der Zeit in Hamburg und später in Berlin. Seit 2005 arbeitet Staud als freier Journalist, weiterhin für die Zeit, aber auch für andere Blätter wie Süddeutsche Zeitung oder der Freitag und für Hörfunksender wie Deutschlandfunk oder SWR. Im Jahr 2007 gründete er gemeinsam mit dem taz-Journalisten Nick Reimer das Online-Magazin klimaretter.info. Er beschäftigt sich hauptsächlich mit der extremen Rechten in Deutschland sowie Themen rund um den Klimawandel. Ab 2011 baute er das stiftungsfinanzierte Wissenschaftsportal klimafakten.de mit auf. (Alle Angaben aus Wikipedia/Wikipedia)

 

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