Die ZEIT im Osten: Guter Osten – Böser Osten

Schon einmal hatte ich mich als Wossi geoutet. War in den frühen Achtzigern öfter in Ost-Berlin, 1991 in Eilsleben, 1992 zu ersten Mal in Potsdam. Mindestens ein Dutzend Mal in Tharandt, auch in Dresden, Meißen, Leipzig, an der Müritz und in Kühlungsborn, in Chemnitz und Zwickau. Habe 2010 den Malerweg ‚gemacht‘. Bad Schandau mochte ich sehr, überhaupt das Elbsandsteingebirge, bis es mir die Braunhemden und Träger von AfD-Einkaufsbeuteln verleidet haben. Zuletzt im September 2021 in Affalter, Lößnitz, Oelsnitz und vielen anderen Orten im Erzgebirge. Mich hat dieser Teil Deutschlands immer fasziniert, obwohl er mir zu Anfang so fremd war wie Nairobi. Deshalb interessieren mich noch immer Bücher über die ehemalige DDR besonders. In der Hoffnung, irgendwann den Osten zu verstehen, seine Andersartigkeit im Vergleich zum Westen zu begreifen. Dieses Buch hat mir da eine Menge weiter geholfen. Es ist kein lineares Lesebuch, es ist eine Sammlung von Reportagen, Essays, Geschichten und Texten der „ZEIT im Osten“. Hat den Vorteil, dass man sich vorarbeiten kann, Text um Text, Thema um Thema. Aber es sind nicht nur Beiträge der Zeitung, es sind auch Bilder, Fotos, Grafiken, die Atmosphäre und Anschaulichkeit mitbringen. Aus den Siebzigern bis heute, das Verbliebene und das Gewesene. Von allen Büchern über die ehemalige DDR war keines so umfassend, so allumfassend vom ganz Privaten bis zum Politischen. Wenn auch im Umfang passend, fast DIN A4-Größe, fast 500 Seiten. Hardcover. Dann noch der Knaller: Preis 7,– Euro. Plus Versandkosten. Der BPB sei Dank.

Patrik Schwarz, der Herausgeber von „ZEIT im Osten“, hat das Buch zusammengestellt, seit 2009 gibt es die besondere Ausgabe der großen Wochenzeitschrift in den neuen Bundesländern. So gesehen ist das Buch ein Best Of der Beiträge. Geschrieben von Ossis, die nun Wessis sind, oder Ossis, die Ossis geblieben sind. Es ist also nicht die eine Meinung, die vorherrscht, auch nicht das eine Thema. Reportagen, eigene Erinnerungen, Interviews, Essays. Eben über das ganz private Aufwachsen dort drüben, über die Gespaltenheit der Autor, in Danzig oder Dippoldiswalde geboren zu sein, doch heute in Hamburg oder München zu leben. Doch auch die aktuellen Themen und Entwicklungen kommen auf den Tisch, warum die Wut von AfD und Pegida in diesen Teilen Deutschlands so besonders gedeiht, über alte Wunden und neue Fragen. Wenn das ganze Buch ein Grundthema hat, ist es die innere Diversität des Ostens, das zeigt, dass es nicht nur einen Osten gibt. Dass es nicht nur den bösen Osten gibt, wie es auch nicht den guten Osten gibt. Der Osten ist nicht schwarz-weiß. Dass Ost-Berlin ein anderes Universum ist als Pirna oder Erfurt. Am Schluss kommt die Frage, ob der Osten immer anders bleiben wird und darf. So schwierig die Antwort zuerst fällt, reicht ein Blick auf die USA oder Italien. Dort gab es den Unterschied zwischen dem liberalen Norden und dem konservativen Süden immer, in den USA so, in Italien eben anders. Vielleicht liegt in den vielen Beiträgen am Ende sogar so etwas wie eine Lösung der Fragen zwischen Ost und West. Wenn man sich wenigstens ein wenig Mühe gibt.

Als Teile der ZEIT sind die Texte durchweg von hoher journalistischer Qualität, zum Teil aber auch sehr subjektiv und persönlich. Das Buch spiegelt den Osten sehr gut, seine Vielfältigkeit, seine Gefühlslagen und seine ganz eigenen Seiten. Nicht zuletzt seine Geschichte der letzten 40 Jahre. Auch wenn viele Wessis mitgeschrieben haben, schreiben sie nicht aus der Sicht aus Bremen oder Nordrhein-Westfalen. Es sind wohlwollende Betrachtungen. Oft Betrachtungen von Wessis, die den Osten lieben gelernt haben, dort eine neue Heimat haben. Sie zeigen auch, dass viele Fragen zwischen Ost und West unsinnig oder überflüssig sind. Oder muss ein Ostfriese immer den Bayern verstehen, oder der Paderborner den Kölner? „Guter Osten – Böser Osten“ ist ein Angebot, den Osten neu zu sehen, ein Aufruf zur Toleranz und Akzeptanz. Gerade an die, die doch Diversität und Vielfalt haben wollen. Dann auch zwischen Ossis und Wessis. Ein Buch selbst für Leute, die den Osten schon zu kennen meinen.

Der Klappentext:

Nach 30 Jahren deutscher Einheit ist Deutschland verwandelt – es ist als Ganzes anders geworden, aber auch in seinen beiden Teilen. Ostdeutschland musste sich neu erfinden, wurde tiefgreifend verändert und verändert sich immer wieder selbst.

Der genaue Blick auf den Osten fördert widersprüchliche Realitäten zutage. Das Bild vom Osten der Demokratieverächter und der DDR-Nostalgiker existiert neben dem vom Osten der Innovation, der gewachsenen Zivilgesellschaft und der mutigen Auseinandersetzung mit Problemen, die den Westen erst mit zeitlichem Abstand erreichen.

Die hier versammelten Texte und Debatten aus der „ZEIT im Osten“ zeigen Ostdeutschland in seiner ganzen Ambivalenz, bieten einen freien, unverstellten Blick, beleuchten Abgründe und Erfolgsgeschichten, Vergangenheit und Zukunft, Kontinuitäten und Umbrüche. Sie erzählen von einem Osten mit Selbstbewusstsein und gereifter Identität, von einem Landesteil mit Vorreiterrolle: im „Guten“ wie im „Bösen“.

Seit gut zehn Jahren gibt es in der Wochenzeitung ZEIT die „ZEIT im Osten“. Der Regionalteil für Ostdeutschland will nicht nur für die Menschen zwischen Ostsee und Erzgebirge da sein, sondern auch ostdeutsche Themen und damit die Sichtbarkeit des Ostens im gesamten Blatt erhöhen. Zuerst war die dreiköpfige Redaktion in Dresden zu Hause. Seit 2017 sitzt sie in Leipzig. „Wir wollen mit der ZEIT im Osten ein klares Versäumnis abstellen“, sagt Martin Machowecz im Interview mit MDR MEDIEN360G. Der gebürtige Meißener leitet seit 2017 das Büro in Leipzig-Plagwitz und war auch schon in Dresden mit an Bord. Nach Wende und Wiedervereinigung habe nämlich auch die ZEIT zwanzig Jahre gemacht, was fast alle der großen überregionalen Medien in der Bundesrepublik praktizierten: Der Osten kam nicht vor, „es sei denn, etwas Schlimmes war passiert“, so Machowecz.

Viele Geschichten wurden nicht erzählt

DIE ZEIT sitzt wie das Nachrichtenmagazin Spiegel in Hamburg. Vom Norden aus ging der Blick stets gen Westen und Süden, sagt Machowecz. Der Lebensalltag der Menschen in den neuen Länder wurde weitestgehend ausgeblendet. Die Geschichten über große Schwierigkeiten unmittelbar nach der Wende, aber auch die Erfolgsgeschichten der letzten Jahre blieben unerzählt. Seit 2009 versucht DIE ZEIT nun gegenzusteuern – mit dem Regionalteil ZEIT im Osten. So etwas gibt es sonst nur für die ZEIT-Heimatregion Hamburg und für die Auslandsauflagen in Österreich und der Schweiz. Zunächst war ZEIT im Osten stark auf Sachsen ausgerichtet und hieß bis 2009 auch ZEIT für Sachsen. Dann erfolgte die Umbenennung auf den bis heute gültigen Namen. (Quelle: MDR

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