Andreas Zick/Beate Küpper: Die geforderte Mitte

Als im Frühsommer 2021 die Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung vorgestellt wurde, bekam sie im Gegensatz zu anderen Studien eher wenig Aufmerksamkeit in den Medien. Die Kritik an der Studie ist nicht ganz unberechtigt, ist doch die Anzahl Teilnehmer an der Studie eher überschaubar. Es sind nicht einmal so viele Leute befragt worden, wie in meinem kleinen Dorf zwischen Paderborn und Büren wohnen. Sogar gut 500 weniger. Trotzdem ist die Studie nicht ganz unerheblich, betrachtet sie doch insbesondere eine aktuell wichtige Frage: Wie stark sind Rechtsextremismus, Verschwörungstheorien und Fremdenfeindlichkeit in der Mitte der Gesellschaft angekommen? Wobei die „Mitte“ ein eher unscharfer Begriff ist, sie wird im Buch nicht genauer spezifiziert. Politisch gesehen würde ich sie bei den Wählern von SPD, CDU und FDP verorten. Gesellschaftlich im Mittelstand sowie kurz darüber oder darunter. Die Mitte-Studie gibt es seit 2002 im Abstand von zwei Jahren. Der Fragenkatalog ist jeweils an aktuelle Situationen angepasst, so tauchen Fragen zu Corona und Impfverhalten natürlich erst in dieser Studie für 2020/2021 auf. Was die Mitte-Studie aber schon liefert, ist ein Vergleich der Ergebnisse über nun 20 Jahre, wie sich die Einstellungen der Mitte verändert haben und unter welchen Einflüssen. So gesehen stimmen die Ergebnisse nicht unbedingt froh, zeigt sich doch ein Einsickern rechter und rechtsextremer Positionen in eine Gesellschaft der Mitte, die sich mal auf Vernunft, Bildung und Sachlichkeit berief.

Im ersten Kapitel wird gezeigt, wie die Studie zustande kommt, welche Verfahren und Methoden verwendet werden und wie die Zielgruppe ausgewählt wurde. Spätestens hier wird deutlich, warum die Stichprobe so überschaubar ist. Die nach Mobilnummern zufällig ausgewählten Teilnehmer wollten nämlich zum großen Teil nicht antworten. Folgend werden danach die Bereiche gezeigt, zu denen gefragt wurde und welche Ergebnisse dabei herauskamen. Themenbereiche waren antidemokratische und populistische Einstellungen, rechtsextreme Einstellungen, Menschenfeindlichkeit, Alltagsrassismus, Wahlmisstrauen, Verschwörungstheorien bis hin zu Klimafragen und Mentalisierung. Da es sich um eine sehr detaillierte Darstellung der Ergebnisse dreht, kommen neben einfachen Tabellen auch komplexere statistische Werte auf den Tisch, wie Korrelationen und Standardabweichungen zwischen den verschiedenen Fragestellungen. Daraus ergibt sich eben nicht nur eine Analyse, welche Einstellungen und Meinungen in Volkes Stimme wie verteilt sind, sondern auch Zusammenhänge. Wie zwischen politischer Position und Fremdenfeindlichkeit, Verschwörungsglauben und Wahlmisstrauen, völkische Positionen und Einstellung zu Klimafragen. Jeder Themenkomplex bekommt ein eigenes Kapitel, vorangestellt sind Ergebnisse anderer Studien und Untersuchen. Damit wird das Buch nicht nur zu einer Darstellung der Mitte-Studie, sondern spannt die jeweiligen Fragestellungen weit und detailliert auf.

Gerade über längere Zeit betrachtet, sind die Ergebnisse nicht gerade ermutigend. Sie zeigen, dass seit etwa 2014 oder 2015 Positionen, die früher dem rechten politischen Rand zugeordnet wurden, sich allmählich auch in der Mitte der Gesellschaft breit machen. Und das nicht beileibe nur rechts der Mitte. Typische Zentren dieser Entwicklung sind Fremdenfeindlichkeit, schwindendes Vertrauen in Staat, Institutionen und Medien, selbst Mythen über die Verstrickung von Staat und Medien werden in der so genannten Mitte inzwischen eher akzeptiert und verbreitet. Zwar zeigen sich in einigen Bereichen erhebliche Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland, die Vereinfachung über mangelnde Bildung oder ökonomische Nachteile greift aber nach dieser Studie nicht. Eher sieht die Sache nach einem übergreifendem nach rechts Tendieren aus.

Nimmt man die Studie ernst, und sind die Schlussfolgerungen der Studie richtig, hat diese Entwicklung erheblich mit einem Herunterfahren der politischen Bildung zu tun. So sagen die Herausgeber, dass sich Diskursverweigerung, fehlende Mentalisierung bis hin zur Geschichtsklitterung mit dem Umbau der Bildung an den Schulen erklären lässt. Wo Bildung nicht mehr im Vordergrund steht, sondern nur noch Faktenwissen und Reproduktion. Nicht nur, aber an dieser Stelle offensichtlich. Ob diese Mitte-Studie nun ausreichend genau, breit genug angelegt ist oder richtig interpretiert, ist am Ende vielleicht nicht der große Punkt. Sondern dass die Ergebnisse der Studie viele aktuelle Entwicklungen hinreichend genau aufzeigen und zum Teil auch erklären. Also ist das Buch nicht nur eine Darstellung der Studie, sondern auch eine lesenswerte politische Gesamtbetrachtung.

Die aktive Identifikation mit der Demokratie ist essenziell für freiheitliche Gesellschaften – die zunehmend herausgefordert und bedroht werden : Gefahr für die Demokratie geht insbesondere von Menschen mit rechtsextremen, rassistischen oder populistischen Weltbildern aus, die Missliebigen, aber auch Amtsträgerinnen und Amtsträger mit Hetze und Hass bis hin zu manifester Gewalt begegnen. Zudem zeigen sich Milieus, die die Corona-Pandemie leugnen und entsprechende Regeln zu ihrer Bekämpfung grundsätzlich ablehnen, besonders anfällig für demokratiefeindliche Einstellungen. Nicht zuletzt, so der Befund des Bandes, instrumentalisieren Rechtsextreme Themen wie Genderfragen, Migration oder den Klimawandel für antidemokratische Agitation oder verbreiten rassistisch, sexistisch, antisemitisch oder antimuslimisch gefärbte Verschwörungsmythen. Die empirisch fundierte „Mitte-Studie“ hat in diesem Jahr differenziert nach Anlässen, Orten, Erscheinungsformen, Trägern, Themen und Motiven rechtsextremer und demokratiegefährdender Einstellungen gefragt. Sie analysiert das Vordringen entsprechender Gesinnungslagen in die plurale Gesellschaft und stellt Präventionsansätze vor: Diese umfassen politische Bildung, Debattenkultur und Urteilsbildung hierzulande ebenso wie den (selbst)kritischen Umgang mit dem Spannungsverhältnis zwischen der eigenen und der Meinung anderer.  (Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung)

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  1. […] der schweren Kost über die politische Mitte dieses unseres Landes brauchte ich etwas Einfacheres. Aber bitte keinen Roman. Hier eine Empfehlung im Shop des […]

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