Ernst Piper: Auschwitz
Über das Dritte Reich gibt es sehr umfangreiche Dokumentation, aus politischer, gesellschaftlicher oder historischer Sicht. Sogar aus philosophischer. Braucht es dann noch ein Buch speziell über das Konzentrationslager Auschwitz? Mein Wissensstand zu Auschwitz und anderen Lagern, dem Dritten Reich und seiner Vorgeschichte habe ich bisher aus einem ganzen Abschnitt meines Bücherregals, trotzdem habe ich mir das Buch der BPB vorgenommen, in der Hoffnung auf einen anderen Blickwinkel und zusätzliche Informationen. Ich gebe zu, dass ich erst nicht ganz so optimistisch war, nach eben viel anderer Literatur zum Thema. Meine Erwartung war eher eine endlose Liste an Namen und Daten, Zahlen von Opfern und Namen von Tätern. Wie es mir in anderen geschichtlichen Werken geboten wurde. Schon das erste Kapitel zeigt, dass Piper anders vorgeht. Es geht nicht nur darum, Daten und Fakten aneinander zu reihen, sondern einen weiter reichenden Überblick zu liefern. So beginnt er in gewisser Weise mit den Anfängen des Dritten Reiches, um sich dann in den weiteren Kapiteln detaillierter mit den verschiedenen Aspekten zu beschäftigen, wie und warum es zu Auschwitz überhaupt kam. Dieses Untergliedern in unterschiedliche Themenblöcke verschafft dem Buch nicht nur eine sehr logische Struktur, sondern auch eine Lesbarkeit, die wenige Autoren von Sachbüchern erreichen. So zeigt Piper, dass geschichtliche Werke eben nicht langweilig sein müssen. Genauer und verständlicher kann man das Thema Konzentrationslager wohl kaum behandeln.
Das Konzentrationslager Auschwitz, KL Auschwitz, entstand im Frühjahr 1940 auf dem Gelände einer ehemaligen polnischen Kaserne. Die ersten Häftlinge, 728 polnische Gefangene, trafen im Juni 1940 ein. Das später als Auschwitz I bezeichnete Stammlager wurde ab 1941 durch Auschwitz-Birkenau als Auschwitz II und weitere Lager erweitert. Auschwitz III bei Monowitz gab es ab 1942 nahe den Buna-Werken der IG Farben. Dort waren vor allem Zwangsarbeitslager für das Werk untergebracht, ab 1944 war es eigenständiges Konzentrationslager. Über 40 Außen- und Nebenlager gab es, darunter etwa Budy, Rajsko, Plawy, Gleiwitz I–IV, Jawischowitz, Fürstengrube, Neu-Dachs und Blechhammer. Die Häftlinge mussten dort unter anderem in Bergwerken, Industriebetrieben, Landwirtschaft und Rüstungsproduktion arbeiten. Auschwitz war also kein einzelnes Konzentrationslager, es war auch nicht von Anfang an als Vernichtungslager gedacht, sondern für Polen, Kriegsgefangene und andere Häftlinge. Erst ab Ende 1941/Anfang 1942 begann die systematische Deportation von Judinnen und Juden, insbesondere aus den Ghettos, und ihre Ermordung. In Auschwitz-Birkenau wurden ab 1942 Massentötungen durchgeführt. Erst durch Erschießungen, dann durch Abgase und schließlich mit dem Giftgas Zyklon B. Auschwitz war nicht nur das KL mit den meisten Morden, sondern auch das mit dem längsten Betrieb. Erst kurz vor Eintreffen der Roten Armee am 27. Januar 1945 kam der Vernichtungsbetrieb zum Ende. Die SS hatte das Lager bereits am 18. Januar 1945 weitgehend geräumt und zehntausende Häftlinge auf Todesmärsche in Richtung Westen geschickt.
Doch die industrielle Vernichtung von Menschen durch die Nazis hatte ein Vorbild. Nämlich die Aktion T4, bei der 70.000 Menschen mit Behinderungen oder psychischen Erkrankungen durch Giftgas oder Medikamente getötet wurden, als „unwertes Leben“ oder als sogenannter Ballast. Wie all diese Vorgänge ineinander griffen, wann und wie die Auslöschung allen jüdischen Lebens beschlossen und umgesetzt wurde, das ist genau genommen der Kern der Vorgänge, die zu Auschwitz führten. Diese Entwicklung ist der Einstieg von Ernst Piper in die Geschichte. Danach konzentrieren sich Kapitel auf die verschiedenen Aspekte des KZs. Welche Häftlingsgruppen es gab, über medizinische Experimente, die Organisation der Vernichtung, Opferzahlen, zu den Sonderkommandos und den Kapos, aber auch über das internationale Versagen der Alliierten und anderer Nationen. Was in Auschwitz, und nicht nur in Ausschwitz, vor sich ging, darüber hatte das Ausland schon ausreichend Informationen, durch die polnische Untergrundarmee und durch Menschen, denen die Flucht gelungen war. Weder waren andere Länder bereit, jüdischen Menschen die Flucht zu ermöglichen und aufzunehmen, noch bombardierten Briten und Amerikaner Gaskammern und Krematorien, obwohl ihnen das möglich gewesen wäre. Den Abschluss des Buches bilden die Endphase und die Auflösung der KZs, die Todesmärsche nach Westen, Zeitzeugen, Strafverfolgung und was von Auschwitz heute geblieben ist.
Insgesamt ist das ein sehr umfangreiches Material, das ohne Zahlen und Daten nicht auskommt. Ein solches Buch könnte demnach schnell in die Versuchung kommen, ein Zahlengrab zu werden. Genau das passiert Ernst Piper nicht. Weil es nicht den Kern des Buches bildet. Piper geht es darum, die Geschichten zu erzählen, die Entwicklungen und zeitlichen Verläufe wiederzugeben. Er geht auf einzelne Menschen ein, deren Geschichte und Schicksal mit Auschwitz verbunden ist. Auf beiden Seiten, den Opfern und den Tätern. Täter waren nicht nur die SS, sondern auch Beteiligte von Wehrmacht bis Reichsbahn. Dazu gibt es immer wieder Nebenverläufe, wie der Blick auf die SS-Verbände und wie sie neben und mit dem KZ lebten, die Geschichte der I.G. Farben und anderer Unternehmen, die von den KZs profitierten. Zusammen mit der Kapitelstruktur ist es kein Buch, durch das man sich durcharbeiten muss, das Buch nimmt einen mit. Am Ende versteht man mehr, was Auschwitz in der deutschen Geschichte darstellt. Eines der dunkelsten Kapitel der Deutschen, eine Ausgeburt des Bösen und das Ende jeder Menschlichkeit. Keinen Vogelschiss in tausend Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte.
Ernst Reinhard Piper (* 29. März 1952 in München) ist ein deutscher Verleger und Historiker. Piper beschreibt sich als „Spät-68er“ und sein Elternhaus als liberal-konservativ. Mit 18 Jahren trat er der SPD bei, aus der er Ende Oktober 2024 wegen der „Rehabilitierung“ des Alt-Kanzlers Gerhard Schröder durch SPD-Generalsekretär Matthias Miersch sowie wegen der Zugeständnisse der SPD Brandenburg an das BSW austrat. Von 1997 bis 2000 war er Geschäftsführender Gesellschafter der Prospero Presse und von 1998 bis 2003 des Pendo Verlags. […] Von 2003 bis 2013 war Piper Gesellschafter der literarischen Agentur Piper & Poppenhusen. Seit 2014 betreibt er die Literaturagentur Ernst Piper. In den 1990er Jahren veröffentlichte Piper einige Werke zum „Historikerstreit“. 1998 war er Fellow am Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien an der Universität Potsdam, 2003 Leiter der Abteilung für Holocaust-Studien. 2005 beendete er seine 1993 begonnene Habilitationsschrift über Alfred Rosenberg, Mitte 2006 schloss er das Habilitationsverfahren mit dem Vortrag „Ludwig Thoma und seine Verleger“ ab und ist heute außerplanmäßiger Professor für Neuere Geschichte an der Universität Potsdam. Piper ist Mitglied im Vorstand der Vereinigung „Gegen Vergessen – Für Demokratie“. 2022 trat er dem PEN Berlin bei, den er 2023 aus Protest gegen die Position führender Personen gegenüber Israel vor dem Hintergrund der Terrorangriffe der Hamas auf Israel 2023, wieder verließ.
Dieser Text basiert auf dem Artikel Ernst Piper aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und steht unter der Lizenz Creative Commons CC-BY-SA 3.0 Unported (Kurzfassung). In der Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar.


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