Hauke Goos: Die Magie der deutschen Sprache
Die deutsche Sprache hat in der Welt keinen sonderlich guten Ruf. Weder ist sie so malerisch wie das Französische, noch so majestätisch wie das Englische, weit vom Melodiösen des Italienischen entfernt. Der irische Komiker Dylan Moran sagte einmal, die deutsche Sprache klinge wie eine Schreibmaschine, die Alufolie frisst und die Kellertreppe heruntergetreten wird. Nur wenn ein Holländer wie Herman van Veen in ihr singt, bekommt sie eine ungewöhnliche Breite und Weichheit. Vergessen wird dabei oft die Detailtiefe und Exaktheit, die das Deutsche gerade vom Englischen unterscheidet. Hauke Goos, bekannter als Redakteur im «SPIEGEL», sammelt „Stellen“. Momente in der Literatur, wo das zum Glänzen kommt, was als Kern des Stils betrachtet wird: Die Übereinstimmung von Form und Inhalt. Man könnte auch sagen, Goos hätte die Ratschläge von Schreiblehrern wie Ludwig Reimers oder Sol Stein eingeatmet. Im Herbst 2025 ist ein weiteres Buch von Goos erschienen, in dem er Glanzlichter aus seiner Sammlung zeigt, von Kafka bis Loriot. Doch das Buch sammelt keineswegs nur Zitate aus der Literatur, so einfach macht sich Hauke Goos die Sache nicht.
Jedes Kapitel wird durch ein mehr oder weniger kurzes Zitat eingeleitet, eben aus Werken vieler Autorinnen und Autoren. Goos betrachtet diesen Auszug dann unter einer Lupe. Was fällt auf, was ist die Form und was der Inhalt? Wie kommt es, dass die meist wenigen Worte die jeweilige Geschichte auf den Punkt treffen? Goos destilliert die Essenz der Texte heraus, wo und warum der Text zum Glänzen und Scheinen kommt. Wie die Wahl eines einzelnen Wortes das Gesagte vom Profanen und Dahingeschriebenen trennt. Aus meiner Sicht gibt es zwei Zielgruppen für dieses Buch. Einmal die Menschen, die sehen möchten, wie exakt und präzise die deutsche Sprache sein kann, die die Tiefe ihrer Muttersprache ausloten möchten. Leute, die unsere Sprache einfach schätzen und genießen. Und gute Geschichten und Texte. Wie das Deutsche auf den Punkt kommen kann. Die zweite Gruppe sind die Schreiberinnen und Schreiber, die lernen wollen, was einen wirklich treffenden und vielschichtigen Text ausmacht. Also ein Buch sowohl zum Lernen als auch zum sich erfreuen an der deutschen Sprache. Denn Goos lässt für seine Grabungsarbeiten die gleichen Regeln gelten wie für die zitierten Texte. Ein wundervolles Buch, das Sprache und Text aus dem Alltäglichen heraushebt. Für angehende Schreiberinnen und Schreiber, aber auch fortgeschrittene, nahe an einer Pflichtlektüre. Für den Rest einfach Lesevergnügen.


Hinterlasse einen Kommentar
An der Diskussion beteiligen?Hinterlasse uns deinen Kommentar!