Morgane Llanque: Vielfalt

Als man 1934 bei Kanalarbeiten im heutigen Sachsen-Anhalt ein Grab aus der Mittelsteinzeit fand, ließen die wertvollen reichlichen Grabbeigaben auf eine hochgestellte Persönlichkeit schließen. Das konnte, nach damaliger Weltsicht, nur ein Mann gewesen sein. Erst die Rekonstruktion des Genoms der Person in der heutigen Zeit ergab, dass es sich um das Grab einer Frau handelte. Welche dazu noch eine Behinderung hatte. Die Frau hatte übrigens helle Augen und eine eher dunkle Haut. Bekannt ist sie heute als Schamanin von Bad Dürrenberg. Auch Jesus Christus, so es ihn gab, war sehr dunkelhäutig, wie alle Menschen dieser Gegend. Genauso falsch ist die Annahme, bei den Jägern und Sammlern der menschlichen Frühgeschichte hätten die Männer Mammuts und Säbelzahntiger gejagt, während die Frauen die Höhle gehütet und die Kinder betreut hätten. Anderes Beispiel. Beim alten Rom denken die meisten Leute an mutige Gladiatoren und weise Senatoren in einer nahezu homogenen Gesellschaft des frühen Mittelalters. Tatsächlich war Rom so divers und bunt, dass jeder AfDler das Grauen bekäme. Homosexualität war keineswegs ein Vergehen, sondern selbstverständlich, so lange bestimmte Hierarchien beachtet wurden. Julius Cäsar war ebenso ein Fan von Frauen und Männern, dazu schlank und eher feminin. Überhaupt tendieren gerade westliche Kulturen dazu, heutige Vorstellungen und Maßstäbe nicht nur auf die ganze Welt, sondern sogar auf alle Epochen zu übertragen. Morgane Llanque hat sich die Geschichten genauer angesehen. Stößt auf Kulturen, die Europa lange Zeit technisch und künstlerisch weit voraus waren, Gesellschaften, in denen die Frauen regierten und eine Globalisierung, die schon lange vor Kolumbus die Welt erschloss. Für Rechtskonservative keine leichte Kost, dieses Buch.

Morgane LlanqueVielfalt
Morgane LlanqueVielfalt als Normalität

Für diese Denkweise gibt es einen Begriff, den des Eurozentrismus. Dahinter steht jedoch mehr als nur Europa für den Nabel der Welt zu halten. Interessanterweise neigen gerade die weißen Europäer dazu, ihre Kultur für einzig maßgeblich zu halten. Was aber völlig die tatsächlichen Gegebenheiten und Historien ignoriert. Bei den zuvor erwähnten Jägern und Sammlern vor einigen tausend Jahren vor Christus waren die Stämme eher egalitär organisiert, es gab sogar Gruppen, in denen die Jagd Sache der Frauen war. Noch einmal zum antiken Rom: Gerade durch das große Reich unter der Herrschaft Roms waren sehr viele Kulturen und Ethnien eingeschlossen, die natürlich auch im Zentrum Rom sichtbar und beteiligt waren. Sei es Sprache, Essen oder Religion. Die Vorstellung von homogenen Gesellschaften, und sei es nur für einen überschaubaren Bereich, ist ein Mythos, selbst noch im Mittelalter in Europa. Migration und Völkerwanderungen waren Alltag. Genau so unsinnig ist es, die in Europa gängige Vorstellung von festgeschriebenen Rollen für Männer und Frauen auf den Rest der Welt zu übertragen. Sogar Piraten waren nicht immer nur Männer, es gab auch in der Vergangenheit Piratinnen, Heerführerinnen und viele Königinnen.

Wenn sich heute ein amerikanischer Präsident auf ein Podium stellt und quasi befiehlt, es gäbe bei Menschen nur zwei Geschlechter, fehlen ihm doch viele Informationen über Geschichte. Sowohl in Asien als auch im südlichen Amerika waren durchaus mehr Geschlechter-Identitäten gang und gäbe. Sogar in China und im arabischen Raum wurde anerkannt, dass Menschen sich eben nicht exklusiv dem einen oder dem anderen Geschlecht zugehörig fühlten. Sogar spezielle Namen gab es für nicht binäre Menschen, sie waren keine Freaks oder am Rande der Gesellschaft. Während gerade in den Kreisen des Christentums Menschen mit Behinderungen gerne versteckt oder sogar getötet wurden – Stichwort Aktion T4 im Dritten Reich – sahen andere Kulturen sie sogar als Mittler und Heiler. Der berühmte Admiral Wellington, der 1815 die Flotte Napoleons besiegte, war eigentlich ein Mann mit extremen Behinderungen durch frühere Kriegsverletzungen. Trotzdem wendete er die Geschichte Europas.

Morgane Llanque geht auf viele weitere Beispiele ein, wie falsch das Bild heutiger, besonders westlicher Menschen ist. Dazu gehören Themen wie Ethnien und Hautfarben, Religionen und Geschlechterrollen, Politik und Menschenrechte. Stattdessen sei Diversität eine Konstante der menschlichen Spezies, so die Botschaft ihres Buchs. Morgane LLanque wartet mit akribisch recherchierten Fakten auf, die der bisherigen Geschichtsschreibung, nämlich der der alten weißen Männer, irgendwie entgangen sind. Sie erzählt Geschichte ganz neu, jenseits der männlichen und westlichen Narrative. Llanque hebt in ihrer großen feministischen Menschheitsgeschichte Gemeinsamkeiten statt Unterschiede hervor und zeigt, wie unsere Gesellschaft so geworden ist, wie sie ist, Warum es auch ganz anders hätte kommen können. Für alle, die verstehen wollen, warum die Menschheit schon immer vielfältig war. Für mich war das Buch eine lesenswerte Quelle neuer Sichten und Erkenntnisse. Denn Llanque schreibt kurzweilig, zugleich unterhaltsam und erkenntnisreich.

Morgane Llanque (* 1984 in Berlin) kommt aus einer deutsch-lateinamerikanischen Familie, studierte Geschichte, Politikwissenschaft und Kulturjournalismus sowie an der Katholischen Journalistenschule in München. Sie war Stipendiatin der Katholischen Journalistenschule sowie Transatlantic Media Fellow der Heinrich-Böll-Stiftung und Fellow des IJP (Internationale Journalistenprogramme) in London. 2022 war sie für den Peter Binderer Media Award nominiert und gewann 2024 den Journalistenpreis der Verbraucherzentrale NRW in der Kategorie „Nachwuchs“. Sie schreibt über Feminismus, Diversität, Ungleichheit und intersektionale Geschichte, unter anderem für „Zeit“, „taz“, „Der Standard“, „Süddeutsche Zeitung“, „Good Impact“, „The New Statesman“ und „Perspective Daily“. Ihr erstes Sachbuch «Vielfalt – Eine andere Geschichte der Menschheit» erschien im  November 2025. 

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