Gröschner/Mädler/Seemann: Drei ostdeutsche Frauen betrinken sich …
Im japanischen Volksglauben gibt es Geister, die aus achtlos weggeworfenen Dingen geboren werden, so genannte Dinggeister. „Wie sähe der Dinggeist der DDR aus?“, fragen sich drei Frauen. Alle drei in Ostdeutschland geboren, Magdeburg, Dresden, Rostock. Also schon wieder ein Buch über die untergegangene Republik? Ja und Nein. Es geht um Anekdoten, Erinnerungen, Reflektionen, am Ende um die Frage, wie wir eigentlich leben wollen. So schreiben sie zusammen ein Buch und nennen es „Drei Ostdeutsche Frauen betrinken sich und gründen den idealen Staat“. Ein Trialog, mit sieben Kapiteln aus sechs Nächten und einem Tag, mit viel Bowle, Wodka oder Gin. Es ist keine Ostalgie, keine wehmütige noch wütende Erinnerung an die Diktatur, in die sie geboren wurden und wo sie ihre ersten Jahre verbracht haben. Stattdessen wollen sie den Wörtern hinterher gehen, die sie in der DDR geprägt haben, die Losungen, die Partei und auch Umgebung hinterlassen haben. Sätze, Lieder und Gedichte, Sprüche wie „Man bekommt ein Mädchen aus der Diktatur, aber die Diktatur nicht aus dem Mädchen“. Es ist, wie zu erwarten, ein Trialog, der von Hölzken auf Stöcksken kommt, mal dahin, mal dorthin wandert. Doch bei aller Unterschiedlichkeit, wie die drei Frauen aufgewachsen sind, was sie geprägt hat, kommen doch die Einheitlichkeiten in der DDR wieder zur Sprache, von der Deutsch-Sowjetischen-Freundschaft bis zum üblichen Fahnenappell mit Lob oder Gelegenheit zur Selbstkritik. Nun von der anderen Kompassseite betrachtet: Bringt es Wessis neue Sichten in einen nicht mehr existierenden Staat? Das gelingt zur Überraschung durchaus. So man sich darauf einlässt.
Die Idee zu diesem Buch, mit Audiorecorder mitgeschnitten und elektronisch transkribiert, stammt von einem Lektor des Hanser-Verlages. Man darf also keine wirkliche Linie erwarten, es sind eher lockere, konzentrierte Gespräche zu Themen, die sie als Ostfrauen beschäftigen. Was hinterlassen Herkunft und Wohnen in der Kindheit in Dresden, Rostock und Magdeburg, was sind die Reflektionen des Transformationsprozesses nach der Wende? Es kommt zum Kassensturz und zur Änderung der Eigentumsverhältnisse, zu Frauenbewegungen in Ost und West. Ein Flugblatt aus dem November 1989 wird erneut gelesen und auf die Erfüllung der damaligen Forderungen überprüft. An einer Stelle gibt es dann ein Rezept für Rote Beete-Suppe. Die Schlagworte der damaligen Zeit werden erneut in den Blick genommen, wie solidarische Ideale, wie lesen wir heute „Völkerfreundschaft“, wie „Kollektiv“ und „Solidarität“, oder „Utopie“. Das alles wild durchmischt mit persönlichen Erfahrungen und wichtigen Befunden, etwa dem rapiden Geburtenrückgang nach 1989. Wie können wir bei allen gegenwärtigen Problemen Demokratie leben, ohne Empörung, aber mit Großzügigkeit und auch leisen Tönen? Und was ist aus den großen Idealen einer neuen Verfassung für das wiedervereinigte Deutschland oder die neue, bessere DDR geworden?
Also keine Geschichte, kein Fazit, keine Rechtfertigungen und keine verfärbten Blicke zurück. Das Buch ist einfach nur ein Mitschnitt der Gespräche von Annett, Wenke und Peggy. Zuerst klingt das nicht besonders aufregend, tatsächlich, wie in so manchen Gesprächen, dümpelt die Sache erst ein wenig vor sich hin. Doch mit jeder weiteren Runde, so man denn will, bekommt man ein besseres Verständnis für das Leben in der DDR. Was die Menschen geprägt hat und was in ihnen von der DDR zurück geblieben ist. In diesem Sinne eine Anregung zur Diskussion.


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