Gabriel Yoran: Die Verkrempelung der Welt
Im November 2026 wollte mein Auto mal wieder zum Freundlichen. Besser gesagt, nervte mich der Bordcomputer mit blinkenden Anzeigen und Gepiepe. Nicht wegen vieler gefahrener Kilometer, sondern weil ein Jahr herum war. Als ich in meinen Leihwagen einstieg, ein aktueller VW Polo, fiel mir zuerst das riesige Display auf, das mittig auf dem Armaturenbrett pappte. Mit imposanter Höhe in das Blickfeld durch die Frontscheibe ragte. Den Fahrersitz konnte ich noch einstellen, wie ich es seit meinem Sharan Baujahr 1998 bei VW gewohnt war. Beim Einstellen der Seitenspiegel scheiterte ich. Es gab nicht, wie in meinem Golf VII, einen Knopp in der Armstütze der Tür, wo man die Spiegel verstellen konnte. Stattdessen hätte ich mich auf dem Mäusekino durch Menüs tippen müssen. Ich beschloss, die wenigen Kilometer über Landstraßen nach Hause ohne korrekte Außenspiegel zu fahren. Wenigstens schaffte ich es, dem Radio WDR 5 zu entlocken. Während der Fahrt bombardierte mich das Display hinter dem Lenkrad mit aktueller Geschwindigkeit, Außentemperatur, aktuellen Aktienkursen und momentaner Ausdehnung des Universums. Warum die Geschwindigkeit einmal in Groß und einmal in Klein auf dem Display? Weder Klimaanlage noch Radio-Lautstärke ließen sich über physische Regler einstellen, überall nur Touch. Für mich stand fest, dass mir eine solche Kiste nie ins Haus käme. So etwas Ähnliches hat Gabriel Yoran auch erlebt, doch begonnen hat die ganze Geschichte mit der Bedienung seines AEG-Kochfeldes, das ich auch habe. Das hat 0 – 1 – 3 – 5 – 8 – 10 – 14 – A als Heizstufen. Wer denkt sich so etwas aus? Und kann man darüber ein ganzes Buch schreiben? Man kann, man muss nur den Blick weiten.
Um ehrlich zu sein, gibt es natürlich auf dem Herd wirklich 14 Heizstufen, dazu muss man zwischen die Zahlen tippen. Dauert manchmal etwas zu treffen. A und 14 sind übrigens identisch. Gabriel Yoran versteht unter „Verkrempelung“ einen doppelten Prozess: Es gibt immer mehr Dinge, die zugleich schlechter, aber als Fortschritt verkauft werden. Krempel sind für ihn Produkte, die schlechter, komplizierter oder minderwertiger sind als ihre Vorgänger, obwohl sie sie angeblich übertreffen sollen. Solche Produkte werden meistens als „technischer Fortschritt“ verkauft. Der Fortschritt macht dann Produkte teurer und zugleich schlechter oder weniger benutzerfreundlich. Wie eben Touch-Bedienfelder statt einfacher Drehknöpfe am Herd. Oder Produkte mit schlechterer Materialqualität, geringerer Lebensdauer und unnötiger Komplexität, die nur der Simulation von Innovation dienen. Ein Überfluss an Waren, die immer weniger den tatsächlichen Bedürfnissen der Nutzerinnen und Nutzer entsprechen, immer mehr Zeug, das immer schlechter funktioniert. Sie seien Ausdruck eines Wirtschaftssystems, in dem ein dauerhaft gutes, schlichtes, funktionales und langlebiges Produkt nahezu ein Wunder ist, weil es sich ökonomisch kaum lohnt. Waschmaschinen tun heute nicht mehr 30 Jahre ihren Dienst wie früher. Dafür haben sie 689 Programme. Verkrempelung ist für Yoran der Zustand und Prozess, in dem vermeintliche Innovation zu einer Welt voller nerviger, minderwertiger und überkomplexer Alltagsprodukte führt. Eine solche Innovation ist zum Beispiel, dass die Spülmaschine über eine App meldet, dass sie fertig ist. Man kann die Spülmaschine dann bequem vom Sofa im Wohnzimmer aus leer räumen.
Hinter diesem Prozess stehen gleich mehrere Ursachen. Einmal die Industrie selbst, die versucht Kosten zu minimieren und Gewinne zu maximieren. Dazu müssen Kundinnen und Kunden dazu gebracht werden, immer neu und immer mehr zu kaufen. Der bisherige UHD-Fernseher muss dann unbedingt durch ein 4K-Modell ersetzt werden. Sei es aus Spieltrieb, aus Anspruchsdenken oder weil Müllers nebenan ja auch ein brandneues Modell haben. Wie das ganze Spielchen funktioniert, welche Tricks und Kniffe Hersteller, aber auch gerade Marketing und Vertrieb anwenden, ist der wesentliche Teil des Buches. Yoran ist ziemlich tief in die Denkweisen und Verfahren eingetaucht, die bestimmen, wie und warum Produkte, vom Auto bis zur Kaffeemaschine, heute entwickelt und unter die Leute gebracht werden. Doch diese Prozeduren in der Produktentwicklung würden nicht funktionieren, wann auf der anderen Seite nicht Leute wären, die es mögen, wenn in ihnen neue Bedürfnisse geweckt werden. Diese Bedürfnisse haben sich über die Zeit verändert. Vor 40 Jahren wäre Nachhaltigkeit kaum eine Faktor in der Kaufentscheidung gewesen. Also passen sich Produzenten an den veränderten Markt an. Jedenfalls nach außen, in Wahrheit wird auch getan als ob. Hinzu kommt eine Globalisierung, die fast nur den Herstellern dient. Nicht den Käuferinnen und Käufern. Diese sind eh mehr an regionale und kulturelle Regeln und Gesetze wie auch an die Sortimente der Verkäufer gebunden. Deshalb enthalten die Fischstäbchen in Deutschland 65% Fisch, in Polen aber nur 57%.
Gabriel Yoran zeigt einerseits auf, wie diese Verkrempelung tagtäglich oft unbemerkt unsere Produktwelt verändert. Obwohl wir ihr aus dem Wege gehen könnten. Andererseits geht er auf die Fragen ein, die eher unbewusst unseren Konsum und unsere Produktentscheidungen prägen. Bis hin zu Ausflügen in die psychischen Gründe hinter unserer Sicht der Welt und Gesellschaft. Es ist also keineswegs nur ein Spaßbuch mit den eklatantesten Beispielen für Krempel. Yoran zeigt ebenso, dass unser Verhalten als Konsumentinnen und Konsumenten diesen Verfall an guten Produkten begünstigt oder sogar fördert. Spaß macht das Buch trotzdem. Weil es zeigt, dass wir selbst die Hersteller geradezu herausfordern, uns diesen Krempel vorzusetzen. Nach- und Mitdenken ist demnach durchaus erlaubt.

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