Ullrich Fichtner: Die Macht der Musik
Musik begleitet mich so lange ich denken kann. Meine erste Erinnerung daran war die riesige Musiktruhe meiner Tante, an der ich auf einem Stuhl stehend die Schellackplatten mit 78 U/min. durchnudelte. Wie hier Freddy Quinn aus den späten 50ern. Mit sechs bekam ich meinen ersten Plattenspieler, ein beiges Gerät aus Italien mit schepperigem Lautsprecher im Deckel. Wenige Monate später kaufte ich meine erste eigene Single. Das war 1962, 45er-Singles waren da noch brandneu. Inzwischen habe ich über 30 Jahre lang in diversen Bands gespielt und seit 2006 eine abgebrochene Klavierausbildung hinter mir. Auf meine 300 Gigabyte MP3-Sammlung könnte ich nie verzichten. Das Meiste davon hatte ich zuvor auf CDs und Schallplatten. Mit solchen Erinnerungen bin ich nicht allein, für viele Menschen ist Musik nicht nur Beiwerk, sondern elementarer Teil ihres Lebens. Wirklich amusisch, also unmusikalisch, sind wenige Prozent der Menschheit. Viele Leute haben vielleicht keine Beziehung zu ihr, doch es können mehr Menschen singen als sie von sich glauben. Ullrich Fichtner meint, Musik sei viel mehr als ein Zeitvertreib oder Unterhaltung. Wahrscheinlich haben schon Menschen gesungen, bevor sie eine ausdifferenzierte Sprache entwickelten. So macht sich Fichtner auf den Weg durch die Geschichte der Musik und des Hörens, wie Musik funktioniert, wie Musik Gesellschaften beeinflusst, warum Menschen eher orientalische oder eher westliche Musik als wohlklingend empfinden. Aktuelle Forschung zeigt Erhellendes. Und dass Musik heilen kann, viel mehr, als die konventionelle Medizin zuzugeben bereit ist. So entsteht ein Buch, das viele Aspekte der Musik beleuchtet. Musik als Teil des Menschseins.
Deshalb beginnt Fichtner auch mit den naheliegenden Themen, wie Wahrnehmen durch Hören funktioniert und wie Menschen zur Musik stehen. Von allen Sinnen ist kein anderer so direkt mit dem Gehirn verbunden wie das Hören. Wenn man bedenkt, dass ein Geräusch viele Meter entfernt sein kann, sich Luftmoleküle nur um Bruchteile eines Millimeters bewegen und wir trotzdem unterscheiden können, ob da Papier oder Alufolie knistert, ein Wunder. In einem großen Raum voller sprechender Menschen, lauter Musik im Hintergrund, können wir trotzdem noch genau einem Gegenüber zuhören. Das Gehirn ist zu unglaublichen Leistungen fähig, wenn es ums Hören geht. Das kann kein Zufall sein. Diese Kapitel, eher medizinisch und biologisch, sind nur die Einführung. Danach wendet sich Fichtner dem Hauptteil des Buches zu, den gesellschaftlichen und sozialen Betrachtungen. Dabei sehr wohltuend, trennt der Autor nicht in angeblich gute und schlechte Musik, in ernste und Unterhaltungsmusik. Für Fichtner gibt es keine Wertunterschiede zwischen Debussy und Taylor Swift, zwischen Blaskapelle und Keith Jarrett. Musik ist immer dann gute Musik, wenn sie eine emotionale Wirkung hat. Oder eben eine gesellschaftliche. Man merkt in jedem Kapitel, wie eng die Beziehung des Autors zur Musik ist. Wenn er Konzerte in Donaueschingen oder Montreux und Messen wie die Womex besucht. Er spricht mit Menschen, die in Chören singen und was es für sie bedeutet. Er spricht auch mit Peter Bursch, dem Gitarrenlehrer der Nation.
Zwar betrachtet Fichtner viele Gebiete, wo und wie Musik wirkt. Gerade im Sinne gesellschaftlicher und sozialer Prozesse. Doch auch die emotionale Wirkung von Musik kommt zur Sprache, wenn sie hilft Trauer oder Depressionen zu lindern, wenn sie soziale Schichten verbindet und nicht spaltet. Wenn zu früh geborene Kinder bessere Überlebenschancen haben, wenn ihnen vorgesungen wird. Doch nicht nur unterschiedliche soziale Schichten finden mit der Musik zusammen, auch unterschiedliche Kulturen. Man denke nur an die Zusammenarbeit von Paul Simon mit südafrikanischen Musikern auf dem Album „Graceland“, oder an die Konzerte des US-amerikanischen Violinisten Yehudi Menuhin und des indischen Sitar-Spielers Ravi Shankar. Um das Thema Kommerz kommt Fichtner natürlich heute nicht herum, auch dazu hat er klare Positionen. Sollte noch jemand befürchten, dass künstliche Intelligenz in Zukunft die menschliche Kreativität überholt, kann an dieser Stelle Entwarnung gegeben werden. Genau so, wie elektronische Instrumente analoge nie ersetzen konnten. Sie fügen höchstens neue Klangfarben hinzu, wie Walter Carlos auf „Switched-On Bach“ mit der Musik Johann Sebastian Bachs bewiesen hat.
Jeder, für den Musik eine Bedeutung hat, ob blutiger Laie oder semiprofessioneller Musiker, wird dem Buch eine Menge abgewinnen können. Es ist nicht zu leugnen, dass Ullrich Fichtner eine Menge über Musik weiß. Nicht im Sinne von Musiktheorie oder hochnäsigen Urteilen der Jazz-Polizei. Es geht ihm darum, das Potential von Musik für unsere Gesellschaft deutlich zu machen. Eben sozial oder auch medizinisch. Das macht er sehr unspektakulär, sehr verständlich und, man glaubt es bei seiner Ernsthaftigkeit kaum, unterhaltend. Selten lesenswert.


Hinterlasse einen Kommentar
An der Diskussion beteiligen?Hinterlasse uns deinen Kommentar!