Matthias von Hellfeld: Die verunsicherte Nation
„Eine Stunde History“ in Deutschlandfunk Nova gehört schon lange zu meinen liebsten Podcasts. Nun hat Matthias von Hellfeld 2025 ein Buch herausgebracht, das zufälliger Weise zu einer meiner vorherigen Lektüren passt. Doch gibt es zum älteren Buch einen wichtigen Unterschied, es geht nicht um die Welt, sondern nur um ein Land. Es geht um den Glauben, es gäbe so etwas wie ein historisches Deutschland, oder wie Alexander Gauland von der AfD faselte, eine tausendjährige erfolgreiche Geschichte. Dass das hanebüchener Quatsch ist, sei als bekannt vorausgesetzt. Tatsache ist, lieber Herr Gauland, dass Deutschland als Nation erst im 19. Jahrhundert entstand. Genauer: 1871. Und komm nun niemand mit den Germanen. Im Gegensatz zu Frankreich oder Großbritannien, die wirklich auf eine Jahrhunderte lange Geschichte zurück blicken können. Stattdessen war das Heilige Römische Reich, sozusagen eine Art Vorläufer eines Teils von Deutschland, vom Spätmittelalter bis 1806 eine Ansammlung von 350 Kleinstaaten. Damit haben wir das Stichwort Nummer Eins des Buches, Kleinstaaten. Stichwort Nummer Zwei, man rechnet fast damit, ist Migration. Das sind die beiden Fixpunkte des Buches. Von Hellfeld verfolgt nicht nur diese spezielle Vorgeschichte Deutschlands, sondern auch, warum Wanderungsbewegungen seit dem Römischen Reich der Normalfall waren. Weiter gesehen, schon seit 20.000 Jahren. Nun ist Einwanderung in Deutschland ja ein ganz besonders heikles Thema. Was aber mit dessen Geschichte zusammenhängen könnte. Deshalb war ich auf dieses Buch sehr gespannt. Übrigens wie immer für kleines Geld bei der Bundeszentrale für politische Bildung zu haben.
Fremdenfeindlichkeit, und besonders Antisemitismus, begleiten Deutschland und seine Vorgänger schon seit dem Mittelalter. Doch warum werden Fremde und Zuwanderer gerade in Deutschland so skeptisch bis feindselig gesehen? Woher stammt diese Unsicherheit und Nervosität? Jürgen Wiebicke hatte die Unsicherheit schon bei seiner „Reise durch ein nervöses Land“ als Thema. Von Hellfeld ist Historiker, also nähert er sich den Fragen in einer historischen Sicht auf Deutschland. Frankreich, entstanden aus dem westfränkischen Reich nach dem Tod Karl des Großen, hatte immer mit Paris ein Zentrum, mit einer Zentralregierung. Ebenso Großbritannien, wobei erst Winchester das Zentrum war, später London, das heutige verfasste England gibt es seit 1215. Während diese beiden alten Nationen beinahe selbstverständlich eine sichere Identität entwickelten, fehlte diese Entwicklung dem ostfränkischen Reich, dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. In den vielen Kleinstaaten und Stadtstaaten achteten die jeweiligen Herrscher immer darauf, den Kaiser möglichst schwach zu halten und eigene Interessen und Machtpositionen zu bevorzugen. Frankreich, Russland und England wollten keinen mächtigen Staat mitten auf dem Kontinent und verhinderten eine deutsche Nation so lange wie möglich. Selbst als Stimmen laut wurden, dass man einen deutschen Nationalstaat bräuchte, scheiterte die Bildung einer deutschen Nation, wie 1848. Erst 1871, mit der Deklaration des preußischen Königs Wilhelm I. zum Kaiser, entstand eine deutsche Nation. Doch die Auswirkungen der Vorgeschichte wirken bis heute.
In keinem anderen Land der Welt haben die Bundesländer eine solche Bedeutung und Machtfülle. Der Bundesrat kann die Gesetzgebung des Bundes behindern oder wenigstens lange verzögern. Länder bestimmen über Kultur, Schulwesen und Steuern, Kernkompetenzen eines Staates. Im weiteren Verlauf der Zeit, ausgenommen Drittes Reich, blieb die Zergliederung immer deutsches Schicksal. Erst seit 1990 gibt es wieder ein vollständiges Deutschland. Bestehend aus zwei Teilen, die in den 40 Jahren der Trennung jeweils eine unterschiedliche Identität und Kultur entwickelten. Diese mit Klauen und Zähnen verteidigen. Sollte in all diesen Geschichten der Grund dafür liegen, dass sich die Deutschen in ihrer Existenz so unsicher fühlen? Ist Deutschland im Wesentlichen eine verunsicherte Nation, zweifeln die Deutschen an ihrer Existenzberechtigung? Die inständige Weigerung, Führungsverantwortung in der EU und der NATO zu übernehmen, hat nicht nur die Shoa als Grund. Jemand, der sich seiner selbst so unsicher ist, kann keine Führung übernehmen. Die Zergliederung, die Schwierigkeit, eine Identität von Flensburg bis Bad Reichenhall zu bilden, wirkt bis heute fort. Und kann zumindest plausible Annahmen darüber liefern, was in diesem Deutschland vor sich geht.
Was sich von Hellfeld hier vornimmt, ist ein ausgesprochen dickes Brett. Solche gewaltigen Fragen können nicht in einer linearen zeitlichen Beschreibung von historischen Abfolgen beantwortet werden. Wie das Golo Mann gerne tat. Von Hellfeld geht deshalb einen anderen Weg. Er nimmt sich Detailfragen vor, verfolgt die Entwicklungen dazu vom Mittelalter bis zum Heute unter diesem einen Aspekt. Zuerst mag es scheinen, dass der Autor sich etwas verzettelt, aber das stimmt nicht. Am Ende des Buches macht diese Art der Betrachtung die Sache rund, auch indem sie die vielfältigen Aspekte zu einer fokussierten Sicht auf die Gegenwart bündelt. Und von Hellfeld könnte tatsächlich recht haben, was so einige Fragen zum aktuellen Zeitgeschehen wenn nicht beantwortet, aber eine plausible Sicht auf die Dinge erlaubt.
Von Hellfeld schreibt dabei, wie er in Deutschlandfunk Nova, „Eine Stunde History“, spricht. Nüchtern, unaufgeregt, jede Aussage begründet, ohne jeden Firlefanz und ohne Besserwisserei, Fremdwörter fehlen fast ganz. Ein so stringentes und lesenswertes Buch über Geschichte ist mir sehr lange nicht mehr untergekommen. Was manche Leserin und mancher Leser vielleicht als dröge bezeichnen mag, ist hier angebracht und hilfreich zugleich. Herausgekommen ist eine historische Beschreibung der Entstehung der deutschen Nation und wie viele Fußangeln dieser Weg zum deutschen Staat in der Mitte Europas hinterlassen hat. Mit welchen Konsequenzen. Meine Bewertung des Buches? Kann man auch sechs Sterne vergeben?


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