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Ruprecht Polenz: Wie ein Volk den Verstand verliert

Ruprecht Polenz folge ich in BlueSky, früher auf Twitter, schon eine ganze Weile. Wir sind in unseren Grundhaltungen so etwas wie zwei Seiten einer Medaille, zwar auf unterschiedlichen Seiten des politischen Spektrums organisiert, jedoch kann ich seiner Haltung und seinen Meinungen zur aktuellen Politik fast immer folgen. Anders formuliert, gehören wir wohl beide zum liberalen Bildungsbürgertum mit weitgehend gemeinsamen Werten. Also habe ich mir sein Buch «Wie ein Volk den Verstand verliert» gegönnt. Darin widmet sich Polenz den Entwicklungen, die auch mich seit geraumer Zeit kirre machen. Nämlich, dass Diskussionen und Diskurse schon lange daran scheitern, dass zwischen Leuten keine gemeinsame Wahrnehmung der Wirklichkeit mehr besteht, dass Tatsachenwahrheiten nicht mehr anerkannt werden, dass sich jede Bubble in den sozialen Medien, aber auch im Alltag, ihre eigene Sicht der Welt erfindet. So fragte der „SPIEGEL“ in Sachsen-Anhalt Leute auf einem Campingplatz, wie denn die Lage in ihrem Bundesland so sei und ob sie gerne dort leben. Ein Mann meinte, er würde nie in den Westen gehen, weil er nicht wüsste, ob er dort mit den vielen Türken zurecht käme. Da frage ich mich dann, was nicht wenige Menschen für die Wirklichkeit halten. Es hat keinen Sinn, mit Leuten über das Wetter zu diskutieren, die behaupten, der Himmel sei grün und die Bäume blau.

Beispiele, dass Völker den Verstand verlieren, hat Polenz mehrere. Die Hexenverfolgung im 15. und 16. Jahrhundert, die Kulturrevolution in China unter Mao mit Abertausenden Ermordeten, der Glaube an eine „Erbfeindschaft“ zwischen Frankreich und Deutschland. Ein Volk, das Absurditäten glaubt, schreckt vor Ungeheuerlichkeiten nicht mehr zurück, sagte schon Voltaire. Die Deutschen und ihr Glaube, sie seien eine Herrenrasse, ist das beste Beispiel. Obwohl noch in 2021 genug „Herrenmenschen“ auf den Straßen unterwegs sind. Nicht zu unrecht hält Polenz die sozialen Medien für die wichtigsten Verursacher der Entwicklung, in denen sich Leute in ihrer Bubble mit unsinnigen Behauptungen gegenseitig befeuern. Verschwörungsmythen werden aufgeblasen, Eliten erfunden und für allen Unbill beschuldigt, es wird über ein ethnisch reines Volk phantasiert, die Grünen sind alle Verbrecher. Aber auch die politische Linke ist genauso betroffen. Spricht jemand für eine Minderheit, dann darf der das nicht, wenn er nicht selbst zu dieser Minderheit gehört, dann ist das kulturelle Aneignung. Andererseits haben die Linken auch kein Problem damit, wenn Greta Thunberg in eine Kufiya gewickelt, ihre propalästinensische Demo anführt. Der Wahnsinn, der Verstandesverlust, ist also kein Einzelmerkmal der Rechtspopulisten. Aber ohne Twitter bzw. X, Facebook und TikTok würde es nicht funktionieren. Damit hat Polenz nicht nur die Ausprägungen, sondern auch den Grund für den Verlust des Verstandes weitgehend beschrieben.

Es wäre fahrlässig, und der Untertitel des Buches weist darauf hin, nicht nach Alternativen zu suchen, nach Wegen aus der gescheiterten Diskurskultur. Er weist auf die publizistische Verantwortung der Medien hin, ruft zu einer Rückkehr zur Meinungsbildung anhand von beweisbaren Tatsachen auf und befürwortet Versuche, mit Verständnis und Toleranz aufeinander zuzugehen. Einen wichtigen Punkt finde ich, dass Eltern wieder ihren Kindern vorlesen und das Lesen fördern, um die Auseinandersetzungen im Sinne eigenverantwortlichen Denkens und Handelns auf Verstand und Tatsachen zurück zu führen. Damit sie nicht auf gefälschte Nachrichtenseiten und Videos von Putin und Trump hereinfallen, weil sie selbst denken und recherchieren, was Wahrheit und was Lüge ist. Doch gerade da hakt es. Ich fürchte, dass gerade die gemeinten Eltern neben Netflix und Scripted Reality in den Privatsendern wenig Zeit und Lust haben, ihren Kindern vorzulesen. Wenn in diesen Haushalten überhaupt Bücher zu finden sind. An dieser Stelle gehe ich eben mit Ruprecht Polenz nicht konform.

(Den folgenden Absatz habe ich nach einem Austausch mit Ruprecht Polenz per E-Mail geändert.)

AfD-Wähler und Verschwörungstheoretiker sind ja nicht das, was sie sind und was sie treiben, weil es ihnen jemand aufzwingt oder sie hypnotisiert hat. Während ich bisher von einer grundlegenden Entscheidung ausging, betont Polenz jedoch den Prozess. Dieser Prozess als Teil der Radikalisierung hängt mit der im Vergleich zu früheren Jahrzehnten unglaublich schnellen Entwicklung der Welt zusammen. Globalisierung, Internet bis in unseren Kühlschrank, künstliche Intelligenz und selbstfahrende Autos sind vielen Menschen nicht mehr verständlich. Eine immer kompliziertere Politik, multiple Krisen, eine sich stärker ausdifferenzierende Gesellschaft, das Aufweichen früher festgefügter internationaler Beziehungen verunsichern. Noch schlimmer, macht diese Unbegreiflichkeit Angst. Ich für meinen Teil kann als Ingenieur (und Journalist) diese Veränderungen nachvollziehen und oft erklären. Doch viele Leute eben nicht, für sie sind diese Dinge Hexenwerk. Das wieder nutzen andere Leute mit ganz anderen Intentionen für ihre Zwecke, auf Affekten und Gefühlen gründend. Musk und Zuckerberg sind da ideale Beispiele. Diese affektive Polarisierung bedienen die sozialen Medien perfekt. Deshalb möchten wohl Menschen wieder gerne in das Deutschland von 1980, weil die moderne Welt sich ihrem Verständnis völlig entzieht. Auch wenn Polenz den Status Quo richtig beschreibt und besten Willens ist, wird jedoch der Schlamassel so einfach nicht zu beheben sein. Die Beschreibungen und Herkünfte des Verstandesverlustes trifft Polenz dagegen exakt.

Ruprecht Rolf Gotthelf Polenz (* 26. Mai 1946 in Denkwitz bei Großpostwitz) ist ein deutscher Politiker (CDU). Er ist seit 2013 Präsident der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde. Von 1994 bis 2013 war Polenz Mitglied des Deutschen Bundestages und ab 2005 Vorsitzender des dortigen Auswärtigen Ausschusses. Von April bis November 2000 war er Generalsekretär der CDU. Seit dem 4. November 2015 ist er offizieller Vertreter der Bundesregierung im Dialog um den Völkermord an den Herero und Nama mit Namibia. Ab 2017 galt er zeitweise als ein bekannter Vertreter der Union der Mitte, der er inzwischen aber nach eigener Aussage nicht mehr angehört. Stattdessen schloss er sich der Klimaunion an. […] Ruprecht Polenz war von 1996 bis 2006 Präsident der Deutschen Atlantischen Gesellschaft. 2014 erhielt er in der Katholischen Akademie Schwerte den „Preis für Dialog, Verständigung und Versöhnung“. Die Laudatio hielt Rupert Neudeck. Seit 2014 ist Polenz der Dekan des Global Diplomacy Labs (GDL). Polenz ist auch Mitglied des Zentrums Liberale Moderne. […] Während seiner Jahre als MdB war Polenz von 1994 bis 1998 Mitglied einer Regierungsfraktion (schwarz-gelbe Koalition Kabinett Kohl V) und von 1998 bis 2005 in der Opposition (rot-grüne Kabinette Schröder I und Schröder II). Angela Merkel (CDU) regierte von 2005 bis 2009 mit einer schwarz-roten Koalition (Groko) und von 2009 bis 2013 mit einer schwarz-gelben Koalition.

Dieser Text basiert auf dem Artikel Ruprecht Polenz aus der freien  Enzyklopädie Wikipedia  und steht unter der Lizenz Creative Commons CC-BY-SA 3.0 Unported (Kurzfassung). In der Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar.
1. September 2026
Schlagworte: Gesellschaft, Kommunikation, Politik
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