Benedict Wells: Die Geschichten in uns
Dieses Buch würde ich besonders zwei Gruppen empfehlen. Denen, die angefangen haben zu schreiben, und denen, die gerne schreiben möchten. Doch es gibt noch eine dritte Gruppe, nämlich die, die gerne wissen möchten, wie ein Autor an das Schreiben eines Buches heran geht. Wie so ein Roman entsteht. Benedict Wells ist ein vielfach ausgezeichneter Autor von Romanen, er hat mehr als eine Million Bücher verkauft. Sein Roman «Vom Ende der Einsamkeit» allein verkaufte sich im deutschsprachigen Raum mehr als 500.000 Mal. In «Die Geschichten in uns» geht es nicht um eine einzelne Geschichte, sondern Wells zeigt den Prozess des Schreibens. Im ersten Teil schildert Wells seine eigene Historie, wie er zum Schreiben kam, sehr biografisch angelegt, über seine Motivation zu schreiben und wie sein persönlicher Weg dahin verlief. Über die Hürden mit dem Schreiben anzufangen, die noch viel höheren Hürden, von Verlagen wahrgenommen zu werden und einen Verlag zu finden, der seine Bücher veröffentlicht. Selbstdarstellung ist aber nicht das Ziel dieses Kapitels, sondern zu zeigen, wie man überhaupt Autor wird und wie viele Enttäuschungen und Frustrationen man durchstehen muss. Wells will damit Leute ermutigen, trotz aller Einwände das Schreiben zu beginnen. Auch wenn man von vielen Seiten zu hören bekommt, das sei doch brotlose Kunst, und von den Verlagen seine Werke freundlich ablehnend postwendend zurück erhält. Und trotzdem nicht aufgibt. So gesehen ist das Buch eine Schreib-Ermutigung, aber auch eine Art Anleitung, wie man zum professionellen Autor wird. Nicht nur im technischen Sinne, sondern auch gerade handwerklich. Deshalb ist das Buch genau so interessant für die Leute, die die Geschichten lesen. Eine Art Making-Of.
Wells‘ Einleitung seiner eigenen Geschichte dient mehr dem Verständnis, wie unterschiedlich die Pfade zum Autor sein können. Wie viele Stolpersteine einem dazwischen kommen können. Hat man die Richtung eingeschlagen und seine ersten Ideen in Angriff genommen, ist es ein langer Weg vom ersten Niederschreiben bis zum abgabebereiten Werk. Hier greift Wells auf seinen Unterricht zurück, zeigt die Stufen und Schritte. Dazu die weiteren Entscheidungen, die am Ende den Roman ausmachen. Angefangen von der Wahl der Sprache, jugendlich oder gesetzt, gebildet oder schlicht. Das Verdichten des Textes, Aufbau von Spannung, der passende Einstieg, am Ende der Abschluss. Die Erzählperspektive ist wichtig, erzählt es ein Unbeteiligter, ein Erzähler, oder der Protagonist selbst. Timing und Balance sind weitere Faktoren. Ein Text, der linear vom Anfang zum Ende geht, wäre langweilig. Sprünge, falsche Erwartungen wecken, Zeitenwechsel, interessant sind auch die Kapitel, seine eigenen Lieblinge umzubringen, Phrasen und Stereotype zu erkennen und zu vermeiden. Den Schluss bilden Abschnitte aus Wells eigenen Büchern. Wie sie zuerst ausgesehen haben, was er wie überarbeitet oder sogar ganz umgeschrieben hat. Auch ein Kapitel über aktuelle Fragen fehlt nicht, nämlich eine künstliche Intelligenz schreiben zu lassen. Welche Auswirkungen und Konsequenzen das hat.
Das alles liest sich nicht wie ein Lehrbuch, sondern eher wie eine Sammlung von Kochrezepten, die dazu mit vielen Zitaten bekannter und weniger bekannter Autoren zum Schreiben ausgeschmückt sind. Fast liest sich das Buch wie ein Roman, nur sind hier nicht Personen oder Geschehen das Zentrum, sondern das Schreiben, der Umgang mit Worten und Stilen, der Fixpunkt dessen, was ein Buch letztlich zum Erfolg macht. Was den Erfolg verhindern kann. Nur in einem Punkt bleibt Benedict Wells geheimnisvoll. Nämlich woher man eigentlich die Ideen für eine Geschichte bekommt. Woher der Funke stammt, der zuletzt mit den Lesenden geteilt wird. Das bleibt immer noch das große Geheimnis des Schreibens. Den Rest liefert Wells in vielen Details. Für Schreibende, Lesende und alle dazwischen.
Benedict Wells (* 29. Februar 1984 in München als Benedict von Schirach) ist ein deutsch-schweizerischer Schriftsteller. […] Wells’ Manuskripte wurden jahrelang von Verlagen und Agenturen abgelehnt, bis ihn Ende 2007 Diogenes unter Vertrag nahm. Mit 23 Jahren war er damals der jüngste Autor des Verlags. Zuerst veröffentlicht wurde 2008 sein zweiter Roman «Becks letzter Sommer», mit dem Wells in der Literaturkritik viel Beachtung erfuhr. […] 2009 wurde Wells mit dem Bayerischen Kunstförderpreis ausgezeichnet. Im selben Jahr erschien sein ursprünglich erster Roman «Spinner», den er im Alter von neunzehn Jahren geschrieben hatte. Der Protagonist ist der zwanzigjährige Jesper Lier, der eine ereignisreiche Woche in Berlin erlebt. Wells’ dritter Roman «Fast genial» stieg 2011 auf Platz 6 in die Bestsellerliste ein. Er handelt von einem Jungen aus ärmlichen Verhältnissen, der sich auf die Suche nach seinem unbekannten und offenbar genialen Vater macht. […] 2016 erschien sein vierter Roman «Vom Ende der Einsamkeit», an dem Wells laut eigenen Angaben sieben Jahre schrieb. Er handelt von drei Geschwistern, die ihre Eltern früh durch einen Unfall verlieren, und wie dieses Ereignis sie für ihr weiteres Leben prägt und verändert. […] Mit «Die Wahrheit über das Lügen» veröffentlichte Wells 2018 eine Kurzgeschichtensammlung, die aus neuen Kurzgeschichten sowie vereinzelten Veröffentlichungen und zwei gekürzten Kapiteln aus Vom Ende der Einsamkeit besteht. Seit März 2019 ist Wells Pate für das Gymnasium Hohenschwangau im deutschlandweiten Projekt Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage. 2021 erschien sein fünfter Roman «Hard Land», in dem Wells die Einsamkeit der Außenseiter thematisiert und das Herauslösen aus der Jugend unter schwierigsten Bedingungen umkreist. Die Coming-of-Age-Geschichte spielt im Jahr 1985 in einer fiktiven Kleinstadt in Missouri und ist auch dadurch eine bewusste Hommage an US-amerikanische Filme wie „The Breakfast Club“ und „Stand by Me – Das Geheimnis eines Sommers“. […] Im Frühjahr 2021 kündigte Wells nach dem Erscheinen von «Hard Land» an, vorerst das Schreiben von Romanen ruhen zu lassen und zu studieren. Im Oktober 2021 wurde er in das PEN-Zentrum Deutschland aufgenommen. Im August 2024 erschien sein autobiografisches Sachbuch «Die Geschichten in uns. Vom Schreiben und vom Leben». Das von Wells selbst eingelesene Hörbuch stand 2025 auf der Shortlist des Deutschen Hörbuchpreises.
Dieser Text basiert auf dem Artikel Benedict Wells aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und steht unter der Lizenz Creative Commons CC-BY-SA 3.0 Unported (Kurzfassung). In der Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar.


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