Annette Dittert: Dear Britain

Meine Liebe zu diesem Land hält seit meiner Jugend, als ich mit 17 die Adam’s Language School in Hastings besuchte und bei einer englischen Familie wohnte. In den Neunzigern lebte ich eine Zeit lang in Bracknell, in der Nähe von Windsor. Es hat nur zwei Jahre gegeben, dass ich nicht dort war: Während des Lockdowns 2021 und 2025, als ich die geplante Zeit im Krankenhaus verbrachte statt in den Yorkshire Dales. Manche Briten sagen, ich würde nach meinen vielen Besuchen von den South Downs im Süden bis zum Lake District im Norden die Insel besser kennen als sie. Annette Dittert schätze ich deshalb schon länger, weil sie in dem Land, in das ich eigentlich 2011 auswandern wollte, lebt und arbeitet. Und ich schätze ihre nüchterne, objektive und zugleich empathische Sicht auf Großbritannien. Ich kenne sie als Korrespondentin in der ARD, habe ihre Reportagen gesehen und folge ihren Beiträgen auf Bluesky. Nicht zu vergessen ihre Serie „London Calling„. Deshalb weiß ich, dass sie weitaus mehr Einblick hat in dieses Land  als ich jemals haben werde. Liegt auch daran, dass sie als Journalistin Zugang zu Informationen und Leuten hat, die ich nie erreichen könnte. Sie lebt auf einem sogenannten Narrowboat auf einem Kanal in London, hat nun dieses Buch geschrieben, in dem sie sich auf die Suche nach der Seele Großbritanniens macht. Herausgekommen ist ein Buch, dass für jeden, der diese Insel mag oder schätzt, noch ganz neue und überraschende Einblicke und Erkenntnisse bietet. Ein wunderschönes Buch ist es geworden.

Das Buch dreht sich um ganz andere Dinge als die, die in Reiseführern ausgerollt werden, oder um reine Geschichte wie in Hawes kürzester Geschichte Englands. Annette Dittert nimmt uns stattdessen auf eine Reise mit, die klären soll, warum dieses Land so anders ist, so seine Eigenheiten hat. Was eben die Seele Großbritanniens ist. Diese Reise kommt um einige besondere Themen nicht herum, wie die britische Monarchie, was sie in Großbritannien bedeutet und noch immer anders ist als die in den Niederlanden oder in Dänemark. Wobei es für Leute, die mit der großen Insel nicht so vertraut sind, gerne durcheinander geht mit Großbritannien, England, Wales, Schottland und Nordirland. Aber gerade die führende Nation dort hat eigentlich die größten Schwierigkeiten zu definieren, wer sie sind und was sie ausmacht. Was eigentlich diese „Englishness“ ist. In Wales und Schottland, wohin die Reise auch führt, ist das etwas anders, wenn auch unterschiedlich anders. Dann diese ganzen Merkwürdigkeiten. Wenn die Briten wie selbstverständlich mitten im Winter ins eiskalte Wasser steigen, ein geradezu mystisches Verhältnis zu ihren Gärten pflegen, Armut in Großbritannien oft unsichtbar bleibt. Wieso gibt es dieses Unterhaus und das Oberhaus, das House of Lords, haben die Adeligen immer noch so viel zu sagen? Was ist aus dem Empire geworden, wie wirkt es nach und wo findet man auch im 21. Jahrhundert noch seine Spuren?

Jedes Kapitel behandelt ein ganz spezifisches Thema. Natürlich kann Annette Dittert auf ihre vielen Kontakte und Beziehungen zurückgreifen. Anders formuliert: Nur Annette Dittert konnte dieses Buch schreiben. Zwar hat sie inzwischen einen britischen Pass, neben dem deutschen. Ihre Erfahrungen als Korrespondentin in Warschau und New York schärften ihren Blick für Details. Gleichzeitig erlaubt ihre eigene Geschichte, die Dinge bei aller Sympathie immer ein wenig aus der Distanz zu betrachten. Diese Distanz gilt nur in einer Hinsicht nicht. Es geht Annette Dittert in erster Linie immer um die Menschen, um die sich die Geschichten drehen, die die Einblicke in eine britische oder englische Welt gestatten. Das macht den einen Teil aus, was an diesem Buch so faszinierend ist. Der andere Teil ist Ditterts Art zu erzählen, mit vielen genau beobachteten Details und Eindrücken. So nimmt sie einen quasi mit auf die Reise, man meint geradezu, dabei gewesen zu sein. Trotz meiner derzeitigen Lesefaulheit kam ich nicht umhin, das Buch in zwei Tagen zu genießen. Weil die Themen hochinteressant sind, auch aus deutscher Sicht, und weil das Buch einfach großen Spaß macht. Mir dazu Einblicke in Großbritannien vermittelt hat, die mir so nie zugänglich gewesen wären.

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