Meller/Michel/van Schaik: Die Evolution der Gewalt
Nach der Bibel wissen wir vom ersten Massenmörder der Menschheit: Kain, der seinen Bruder Abel erschlug. Kain und Abel waren die Kinder von Adam und Eva. Kain erschlägt Abel aus Neid, nachdem Gott Abels Opfer bevorzugt hat. Die Geschichte gilt als frühes biblisches Beispiel für Brudermord und wird oft als Erzählung über Eifersucht, Gewalt und die Frage nach Schuld gelesen. Denkt man der Geschichte allerdings genauer hinterher, wird die Sache fraglich. Wenn die beiden Brüder in der Bibel außer ihren Eltern die einzigen Menschen waren, wie ging die Geschichte der Menschheit denn dann weiter? Auf jeden Fall wird dieser Mord auch so interpretiert, dass Mord und Töten quasi in unser Menschsein eingeschrieben sind. Also in unseren Genen verankert, somit Mord bis hin zu Kriegen Teil unseres genetischen Erbes. Das Buch hinterfragt diese Annahme auf Basis verschiedener wissenschaftlichen Richtungen, der Biologie, der Primatenforschung, der Archäologie, der Verhaltensforschung, der Geschichte. Angefangen von Gewalt gegenüber einzelnen Personen, zwischen Gruppen und Stämmen bis hin zu den großen Kriegen, wie dem Dreißigjährigen und den Weltkriegen. Nicht ohne Grund beginnt das Buch bei unseren Verwandten im Tierreich, den Schimpansen und Bonobos. Ob diese nahen Verwandten des Menschen auch Kriege kennen und wie sie Gewalt untereinander ausüben und aus welchen Gründen. Wie zu erwarten, gibt es zwischen Primaten und Hominiden erhebliche Unterschiede. Damit beginnt die Suche, wo sich dieses Verhalten verändert hat und warum. Doch nur Biologie und Ethnologie allein helfen nicht weiter. Darum kommen weitere Forschungsfelder zum Zuge.
Logisch und historisch beginnt das Buch ganz am Anfang, beim Erscheinen des Homo Sapiens und seiner Verwandtschaft, bei den Jägern und Sammlern. Die Vorstellung von rohen Gesellinnen und Gesellen, die sich bei jeder sich bietenden Gelegenheit die Köpfe einschlugen, wie am Anfang des Filmes „Odyssee 2001“, hat mit der Wirklichkeit wenig zu tun. Diese frühen Menschen zogen in kleinen Gruppen durch die alten und neu eroberten Gebiete, privates Eigentum außer Jagdwaffen und etwas Schmuck gab es praktisch nicht, feste Jagdgründe und angestammte Gegenden ebenso nicht. Es gab also nichts zu erobern, zu rauben oder sich einfach so über irgendetwas zu streiten. Stieß man auf andere Gruppen, zog man des Friedens willen weiter. Doch schon in dieser Zeit zeigte sich Verhalten, dass uns von unseren tierischen Verwandten unterscheidet. Homo war fähig zur Kooperation, es wurde mit anderen Gruppen getauscht und gehandelt. Wissen und Erfahrungen wurden weiter gegeben, Ahnen und Geister waren entweder moralische Überwacher oder Merkmale der eigenen Gruppe. Gewalt, gar Kriege, brachte nichts außer Tod oder Verletzungen. Diese eher friedvolle Zeit macht 99% unserer Geschichte aus. Es sollte nicht so bleiben. Die größte Veränderung trat ein, als Menschen sesshaft wurden, zu erst in der Levante, danach breiteten sich erste Bauern und damit die Landwirtschaft von ca. 25.000 Jahren aus. Es sollte fast 10.000 Jahre dauern, bis sich diese Lebensform durchsetzte.
Nun aber gab es etwas zu verteidigen oder zu erobern, fruchtbares Land, Vorräte, das Eigentum, seien es Tiere oder Menschen, die es zu schützen oder zu erbeuten galt. Mit der Sesshaftigkeit und dem ernährungsbedingten Wachstum der Bevölkerung kam die Gewalt auf. Sei es um Ressourcen zu verteidigen oder neue hinzu zu gewinnen. Aus Gruppen und Clans wurde erste Städte, diese setzten Organisation voraus, Schrift entstand aus der Notwendigkeit, Rechte und Pflichten, aber besonders Vorräte und Abgaben zu notieren. Und noch etwas veränderte sich. Aus der eher egalitären Lebensweise ging es zur Unterschiedlichkeit der Menschen. Es entstanden Hierarchien. Aus Städten wurden Reiche, aus den Herrschern der Reiche Rivalen. War das Führen von Kriegen zuerst eine Art Zweitjob neben dem Ackern und Pflügen, etablierten sich nun professionelle Krieger, die ersten Heere traten auf. Waffen wurde speziell zum Töten entwickelt. Eine nicht unwesentliche Rolle in diesem Spiel hatte die Religion. Der Monotheismus des Judentums und des Christentums wie auch des Islams hatte vor allen Dingen eine wichtige Funktion: als Legitimierung der Herrschenden wie auch als neuer Grund für Kriege. Wenn auch fast immer als Vorwand für die Ausbeutung und die Unterwerfung anderer. Nur eine rote Linie zieht sich durch die Menschheitsgeschichte. Gewalt, Kriege, Despotismus waren immer Sache von Männern. Frauen waren Beiwerk, Beute oder als Harems mit hunderten von Frauen Beweis für die Macht und den Erfolg der Könige, Fürsten, Päpste oder Sultane. So simplifiziert es klingen mag, diese Linie zieht sich durch die Historie bis heute. Bis in den Irak, den Iran, in die Ukraine. Es scheint fast so, als sei Krieg unvermeidbar, in gewissem Sinne sogar unverzichtbar. Die missverstandene Rede vom Krieg als dem Vater aller Dinge. So fatalistisch muss es nicht sein, aber die Hürden für eine Welt ohne Krieg liegen hoch. Auch wenn Homo Sapiens evolutionär eigentlich friedliebend und emphatisch angelegt ist. Diese 99% Geschichte liegen leider lange hinter uns. Inzwischen führen selbst Nachbarn gegeneinander Krieg.
Das Buch beginnt also mit wechselnden wissenschaftlichen Schwerpunkten bei den Anfängen der Menschheit, konzentriert sich auf die Zeit der größten kulturellen Veränderungen von ca. 5.000 bis 1.000 v. Chr., folgt dann der aufgezeigten Geschichte von Gewalt und Kriegen bis in die frühe Neuzeit. Dementsprechend kann man diese Geschichte nur in einem umfangreichen Werk sinnvoll behandeln. Doch was mir bei dickeren Büchern öfter so geht, passiert hier nicht. Ich habe in keinem Moment die Lust am Lesen verloren, im Gegenteil. Die Autoren erzählen die Story spannend, in vielen interessanten Details, immer ist die Nähe zum Heute und zur Fragestellung gewahrt, fließen aktuelle Fragen fast unbemerkt mit hinein. Der Schwerpunkt liegt auf der Geschichte und der kulturellen Entwicklung, weshalb schnell klar wird, dass Krieg keine evolutionäre Entwicklung ist, sondern eine kulturelle. Wenn denn aus Schwertern und Streitwagen nun Atomwaffen und Drohnen geworden sind, sich Krieg in elektronische Gefilde verlegt, sind die Mechanismen und Methoden noch immer die gleichen wie in Rom und Assyrien. Diese Erkenntnisse vermitteln Meller, Michel und van Schaik spannend geschrieben und erkenntnisreich.


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