Laura Wiesböck: Digitale Diagnosen

Schaut man sich Posts, Likes und Kommentare in sozialen Median an, insbesondere Instagram, YouTube und TikTok, müssen Millionen Menschen unter Depressionen, ADHS oder Borderline leiden. Ganz besonderes jüngere Leute. Wer nur halbwegs bei Trost ist, wird wissen, dass gerade die Verfasser dieser Posts weder einen entsprechenden fachlichen Hintergrund haben noch über medizinische Qualifikation zu diesen Themen verfügen. Es geht, wie üblich in diesen Medien, um Clicks und Aufmerksamkeit. Mit immer dem gleichen Ziel: absahnen, Aufmerksamkeit abgreifen. So weit, so klar. Jedoch kann die andere Seite vor dem Display leicht aus dem Blick geraten. Man könnte wegen des breiten Interesses darauf schließen, dass tatsächlich in den letzten Jahren so viele Menschen von psychiatrischen Diagnosen betroffen sind. Medizinische Statistiken helfen da nicht weiter, denn wer endlich in Insta die Lösung für seine Probleme gefunden hat, aus angeblichen Symptomen endlich schließen kann, dass er oder sie ADHS hat (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung), geht nicht zum Arzt. Bestellt sich lieber im Internet aus dubiosen Quellen die empfohlenen Medikamente und gesteht sich nicht ein, einfach nur extrem schusselig oder disziplinlos zu sein. In diesem Buch von Laura Wiesböck geht es um beide Seiten. Die Quacksalber und die eingebildeten Kranken. Die eingebildeten Kranken sagen dann, sie hätten keine Diagnose, sondern seien die Diagnose.

Hinter dem Phänomen stecken mehrere gesellschaftliche Entwicklungen, aber auch technologische. Zum einen sind psychische Erkrankungen heute weniger Stigmata, Betroffene werden ernst genommen, es wird über diese Themen gesprochen. Das wieder begünstigt, dass man eher gesteht, persönliche Probleme zu haben. Doch dann kommt das Internet und seine Aufmerksamkeits-Ökonomie. Besonders die sozialen Medien befeuern die Diskussionen, was nun wirkliche psychischen Störungen sind. Nachdem sich zuerst Betroffene geoutet haben, nahm die Sache bedenkliche Formen an. Jeder, der diagnostiziert oder eingebildet eine psychische oder sogar psychiatrische Erkrankung hatte, schwang sich zum Spezialisten auf. Ohne jede vorhergehende Ausbildung. Die galoppierende Individualisierung, gerade im westlichen Europa, verstärkte die Welle nur noch. Man war nicht nur erkrankt, man heftete sich das Leiden geradezu an die Jacke, fast als Auszeichnung. Aus einer herbei phantasierten Erkrankung wurde eine neue Methode, Aufmerksamkeit zu gewinnen, sei es als Patient oder Patientin oder als selbst ernannte Fachkraft. Durch den Verkauf von obskuren Mittelchen bis hin zu magisch aufgeladenen Glaspyramiden ließ sich aus dem subjektiven Leiden noch eine Geldquelle erschließen. Das alles ohne jeden therapeutischen oder medizinischen Hintergrund. Früher standen die Quacksalber auf dem Marktplatz, heute haben sie Instagram und TikTok. Eine bedenkliche Entwicklung.

Laura Wiesböck rollt die Geschichte in vielen Details aus. Betrachtet die angeblichen Heiler und eingebildeten Kranken sehr detailliert. Daher ist das Buch zwar sehr tiefgehend, berücksichtigt viele Aspekte, medizinisch und gesellschaftlich. Damit eignet sich eher für Leute, die medial oder gesellschaftlich in das Thema eintauchen wollen. Also mehr ein Buch für Fachleute.

Laura Wiesböck (* 1987 in Wien) ist eine österreichische Soziologin. […] Laura Wiesböck arbeitet an der Schnittstelle von Wissenschaft, öffentlicher Wissensverbreitung und sozialem Engagement. Neben ihrer Forschungstätigkeit kommuniziert sie gesellschaftskritische Perspektiven in der medialen Öffentlichkeit (z. B. „Associated Press“, „Libération“, „Die Zeit“, „Süddeutsche Zeitung“) und hält Fachvorträge für staatliche und kulturelle Einrichtungen (z. B. österreichisches Parlament, Tanzquartier Wien, Bucerius Kunstforum) sowie internationale Diskurs-Festivals (z. B. re:publica, Phil.Cologne). […] Darüber hinaus engagiert sich die Soziologin für ein gewaltfreies und ökonomisch unabhängiges Leben von Frauen, ist Mitglied der Allianz „Gewaltfrei leben“ und war Teil des Parlamentarischen Dialogs „Gemeinsam gegen Gewalt an Frauen“. Im September 2018 erschien ihr Sachbuch «In besserer Gesellschaft. Der selbstgerechte Blick auf die Anderen» bei Kremayr & Scheriau, das in Deutschland und Österreich vielfach rezipiert wurde. Der Radiosender Ö1 widmete ihr eine Folge der Sendereihe „Gedanken“. […] Im Jänner 2025 veröffentlichte sie das Sachbuch «Digitale Diagnosen. Psychische Gesundheit als Social-Media-Trend» bei Zsolnay. Die Publikation hat große Resonanz erhalten (u. a. FAZ, Spiegel, SRF Sternstunde Philosophie), erreichte im März 2025 Platz 1 der DIE ZEIT-Sachbuch-Bestenliste und wurde für den Tractatus-Preis nominiert. Zudem ist Laura Wiesböck Expertin in dem Dokumentarfilm „Feminism WTF“ der Regisseurin Katharina Mückstein. Der Film feierte seine Weltpremiere in Kopenhagen, wurde auf zahlreichen internationalen Festivals gezeigt (u. a. Zürich, Warschau, Porto) und mit dem Diagonale-Publikumspreis 2023 ausgezeichnet. Aktuell leitet die Soziologin die Junior Research Gruppe „Digitalisierung und soziale Transformation“ am Institut für Höhere Studien Wien. (Stand Februar 2026)

Dieser Text basiert auf dem Artikel Laura Wiesböck aus der freien  Enzyklopädie Wikipedia  und steht unter der Lizenz Creative Commons CC-BY-SA 3.0 Unported (Kurzfassung). In der Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar.

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