Mit dem bevorstehenden Tag, an sich dem der (angebliche) Anschlag der 95 Thesen durch Dr. Martin Luther an die Wittenberger Kirche zum 500-sten Male jährt, kann es nicht schaden, sich über diese Zeit und diesen Mann genauer zu informieren. Was nicht einfach ist, weil man in jeder Buchhandlung von ganzen Stapeln von Büchern über Luther erschlagen wird. Ich folgte dem kleinen Aufkleber, auf dem der Spiegel dieses Buch in seiner Bestsellerliste empfiehlt. Es gibt hoffentlich noch Siegel, denen man folgen kann. Für mich ein Wieder-Auseinandersetzen mit dem Reformator.

Christian Nürnberger und Petra Gerster schildern in „Der rebellische Mönch, die entlaufene Nonne und der größte Bestseller aller Zeiten“ Leben, Werden und Wirken des Reformators. Was das Buch interessant macht, ist die Idee, nicht nur eine Biografie Luthers zu schreiben, sondern auch den Lebensumständen seiner Zeit, seinen Freunde und Feinden Aufmerksamkeit zu widmen. Auch ist es eine vollständige Biografie, die den Fokus nicht auf die wenigen Jahre um 1517 herum legt, sondern die Jahre davor und danach im Detail beschreibt. Es geht um seine Ehe mit Katharina von Bora, um seine Kinder und seine engsten Vertrauten. Bis hierhin ist das eben der Inhalt, der jedoch weitaus detaillierter ist als zuerst erwartet. Sicher gibt es solche oder ähnliche Bücher im Moment zuhauf. Ohne aktuell diese Bücher auch gelesen zu haben, ist Nürnbergers Buch aus meiner Sicht sehr empfehlenswert. Schon alleine um mit Märchen, Mythen und Zuschreibungen aufzuräumen. Wie dem, dass Luther die 95 Thesen an eine Kirchentür genagelt hat.

Nürnberger beginnt sprachlich ein wenig im Es-War-Einmal-Stil, wird im Verlauf des Buches immer ernster und sachlicher. Ernsthaftigkeit bekommt das Buch auch dadurch, dass Nürnberger eine Distanz zu Luther bewahrt, ihn nüchtern beschreibt, in seinen Stärken und in seinen persönlichen wie theologischen Schwächen. Jedoch immer wohlwollend und ohne jede Häme, verständig und menschlich. Ein genialer Trick von Nürnberger ist es, nicht immer linear zu schreiben, sondern Ereignisse zuerst oberflächlich einzuflechten, um sie später zu detaillieren. Dadurch ist es keine zeitlich stringente Abfolge, die aber den Leser immer wieder an die Leine nimmt und die Feinheiten nachholt. Was dem Lesefluss sehr gut tut und das Buch bis zum Ende interessant bleiben lässt. Es liest sich flüssig und informativ, selbst dem späten quasi Alltäglichen in Luthers Leben mit Herrn Käthe gewinnt Nürnberger viele Aspekte ab. Am Ende hat man das Gefühl, viel mehr erfahren zu haben als angedacht. Zum Beispiel, dass Luther die deutsche Sprache und das deutsche Leben stark geprägt hat, warum das so war. Wie weit sein Wirken noch heute bis in unseren Alltag hineinreicht. Nicht wegen der Bibelübersetzung, sondern wegen seiner Sicht des Glaubens und der Theologie.

Ob man den persönlichen Interpretationen des Autors in den letzten Kapiteln folgt, muss der Leser für sich entscheiden. Naheliegend ist sein Argument, dass den Protestanten eher vergönnt sein könnte, als Schlichter und Moderator in Politik und sozialen Fragen aufzutreten, weil Luther sie aus dem Gezänk in Fragen des Zölibats, Scheidungen und Verhütung befreit hat. Und weil es eben die Protestanten sind, für die Veränderungen, Reform und Vielfältigkeit Inhalt ihres Glaubens und ihrer Kirche sind. Diskussionswürdig sind diese Fragen allemal. Dazu sind die Namen Bonhoeffer und Bultmann gute Anhaltspunkte, was die protestantische Kirche vom Papst-zentrierten Katholizismus unterscheidet. Man erfährt viel über Luther und versteht die Positionen der evangelischen Kirche danach deutlich besser.

Ein gutes Buch, flüssig zu lesen, sehr informativ und nie langweilig. Also alles, was ein gutes Buch ausmacht. Da hatte der Spiegel doch tatsächlich mal Recht.

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