• Link zu Bluesky
  • Link zu Mastodon
The Writer's Pit
  • Famous first words
    • TEXTURA-Kochbuch
      • BesserEsser
      • Übersicht
      • Quellen für gutes Mehl
      • Der Leidensweg zum selbst gebackenen Toast
      • Neues Rezept
      • Dutch Oven
      • Mittelwerte
      • Mengenangaben
      • Umrechnung Cups in Gramm
      • Mahlzeit!
  • The Writer’s Pit
  • Radio
  • Reiseberichte
  • Diario de Duna
  • Click to open the search input field Click to open the search input field Suche
  • Menü Menü
The Writer’s Pit
Allgemein

Astrid M. Eckert: Zonenrandgebiet

Das ideale Buch für meinen Kurzurlaub im Wendland. Jüngeren Leuten wird der Begriff nur noch wenig sagen, „Zonenrandgebiet“. Nach der Niederlage des Dritten Reiches wurde Deutschland in vier Zonen aufgeteilt. Die britische, amerikanische und französische Zone wurden schon 1948 zur Trizone zusammen gefasst. Die sowjetische Zone, die SBZ, aus der 1949 die DDR entstand, verblieb getrennt. Die Grenze zur SBZ war die Demarkationslinie, die spätere Grenze zwischen BRD und DDR. Zu Anfang nur ein Stacheldrahtzaun, ab Mai 1952 machte die DDR daraus mit Streckmetall, ab 1961 militärisch mit Selbstschussanlagen und Landminen den Eisernen Vorhang zwischen Ost und West. Straßen und Bahnlinien endeten im Nichts, Landwirte wurden von ihren Feldern getrennt, manchmal verlief diese Grenze sogar durch Häuser oder Seen hindurch. Dadurch wurden Betriebe auf beiden Seiten von Kunden und Lieferanten abgeschnitten, was für sie erhebliche wirtschaftliche Konsequenzen hatte. Es entstand in der BRD das Zonenrandgebiet, ein ca. 40 Kilometer breiter Streifen, der eigentliche Grenzzaun der DDR lag noch mehrere hundert Meter weiter östlich dieser Linie. Um diesem Gebiet wirtschaftliche Hilfe zu leisten, wurden Steuerbefreiungen, Sonderzahlungen und Subventionen eingerichtet. Was zuerst etwas dröge klingt, wird jedoch bei Astrid M. Eckert zu einer durchaus spannenden Geschichte.

Astrid M. Eckert
Zonenrandgebiet
Astrid M. EckertZonenrandgebiet
Astrid M. EckertZonenrandgebiet
Free Download

Hatte doch diese Grenze mit den Zäunen in vielfacher Art Auswirkungen, nicht nur auf wirtschaftlichem Gebiet. Sie war auch eine politische Grenze. Während auf der westlichen Seite der Zugang bis zur Grenze beinahe unbeschränkt möglich war, wurde auf der östlichen Seite ein Kilometer breites Gebiet zur Sperrzone. Bewohner wurden umgesiedelt, ganze Dörfer geschleift, die sonst verlassen und aufgegeben die DDR als Ruine und Wüstung aussehen ließen. Hier kamen die beiden Seiten des kalten Krieges zusammen, einschließlich Propaganda und Falschmeldungen, hier bekämpften sich die zwei Beteiligten des Kalten Krieges. Jedoch war die Grenze zwischen Ost und West nicht allein der Grund für ökonomischen Niedergang der angrenzenden Regionen, Gegenden wie die Rhön, das hannoversche Wendland und der bayrische Wald hatten seit Beginn des 20. Jahrhunderts strukturelle Probleme. Industrialisierung, moderne Infrastruktur und wirtschaftlicher Aufschwung waren an ihnen vorbei gegangen, Arbeitsplätze rar, die Abwanderung junger Leute erheblich. Hinzu kamen die vielen Flüchtlinge und Vertriebenen nach dem Krieg, die die Kommunen zusätzlich belasteten. Der Zonenrand galt auf vergessenes Westdeutschland, stellte sich gerne als Armenhaus dar. Die damals neue Grenze war nun ideales Argument, für die Gebiete entlang der Demarkationslinie wirtschaftliche Sonderregelungen zu schaffen, die erst Anfang der Neunziger entfielen. „Zonenrandförderung“ wurde zu einem lange präsenten Thema deutscher Wirtschaftspolitik. Berechtigung und Sinnhaftigkeit waren nicht umsonst häufig umstritten.

Doch nur in einem Teil des Buches geht es um Politik und Wirtschaft. Schon früh hat es das Zonenrandgebiet geschafft, Schwächen in Stärken zu verwandeln. Das Wendland in Niedersachsen wirbt noch heute für sich mit dem Begriff Entschleunigung. Nicht ohne Grund ist das Kartoffelhotel in Lübeln in einem Rundlingsdorf im Kreis Lüchow-Dannenberg von April bis Oktober weitgehend ausgebucht. Die hessische und besonders die bayrische Rhön zählen zu den beliebten Wandergebieten in Deutschland. Abseits von Industrie und Großstädten, in gewisser Weise geschützt durch den Eisernen Vorhang, blieben alte Dörfchen, uralte Wälder und ökologische Nischen erhalten. Doch schon in den Siebzigern wandelte sich gerade das Wendland, als die Zonenrandförderung West-Berlinern über die Transitstrecken und dem nahe gelegenen Hamburg Refugien jenseits der Großstadthektik schuf. Zwischen 10 und 20% der Wohnungen und alten Kotten waren bald fest in Berliner und Hamburger Hand. Genau genommen auch zum Thema Tourismus gehören die Geschehen nach dem 9. November 1989, als nicht nur in Berlin die Mauer fiel, sondern der Grenzzaun zur DDR Löcher bekam. Nicht immer zum Vorteil des Ostens, wie die Autorin ausgiebig zeigt. Das Zonenrandgebiet als mikroskopische Sicht auf die Wende.

Umfangreich ist das Kapitel über ökologische Fragen. Die DDR, gerade in ihren letzten Zügen in den Achtzigern, fuhr ihre Industrie bis an die Grenzen der Belastbarkeit. Beinahe berüchtigt waren die erschreckenden Umweltschäden durch Industrie und Kalibergbaubau in der DDR, die Werra und Weser derart mit Salzen belasteten, dass sich an deren Rändern maritime Pflanzen ansiedelten. Fische gab es leider in diesen Flüssen nicht mehr. Als Trinkwasser waren sie auch nicht mehr zu gebrauchen. Nach 1990 änderte sich das zwar in Nuancen, aber diese Entwicklungen dienen eher als Beweis, dass auch im Westen nicht alles golden ist und die Wiedervereinigung in nicht wenigen Fällen eher eine Übernahme. Zum Glück gibt es genauso positive Beispiele, wie das grüne Band Deutschland von der Ostsee bis nach Tschechien, auch wenn Umweltaktivisten die durch die Grenze entstanden ökologischen Schutzzonen nicht restlos erhalten konnten. Das letzte Kapitel handelt vom Nuklearen Entsorgungszentrum, größtes industrielles Vorhaben der Bundesrepublik. Dieses NEZ sollte den Atomkreislauf zur nuklearen Energiegewinnung mit einer Wiederaufbereitungsanlage und einem Endlager schließen. Notwendig wurde es wegen der Technologie der Schnellen Brüter. Das einzige Atomkraftwerk dieser Art in Kalkar wurde nie gebaut. Angesiedelt werden sollte das NEZ in der Nähe des wendländischen Dörfchens Gorleben. Die Folge war die größte Anti-Atom-Bewegung, die man in Europa jemals gesehen hatte. In der sich linksintellektuelle Zuwanderer, Einheimische und Landwirte zusammen schlossen. Schon 1979 war die Wiederaufbereitung vom Tisch, das Endlager kurze Zeit später auch, weil sich der vorgesehene Salzstock doch nicht als stabil genug erwies. Seit 1990 ist Gorleben nur noch Zwischenlager. Dass dieses NEZ gerade nahe der Grenze der DDR angesiedelt werden sollte, hatte politische und wirtschaftliche Gründe. Die Protest-Bewegung, aus der zeitweise die Republik Freies Wendland entstand, wirkt im Wendland bis heute nach. Und sei es nur als Modellprojekt des ökologischen Landbaus. Wenn sich inzwischen auch zunehmend völkische Rechtsradikale im Wendland niederlassen.

Zuerst habe ich mich gefragt, ob ein Buch über einen Streifen Land, früher Ostgrenze der BRD, heute die Mitte Deutschlands, sonderlich lesenswert ist. Doch Astrid M. Eckert hat so viele Details, Geschichten und sogar Anekdoten von 1945 bis heute zu einer erstaunlichen Geschichte zusammen gefügt, dass man sich wundert, wie wenig über die Zonengrenze und das Zonenrandgebiet  bekannt ist. Auf beiden Seiten. Nicht nur in geschichtlicher, wirtschaftlicher und politischer Hinsicht, auch die Menschen auf beiden Seiten des früheren Eisernen Vorhangs, den Begriff hat Winston Churchill geprägt, spielen eine große Rolle. Ein höchst interessantes Buch über einen heute beinahe vergessenen Landstrich, der einmal immerhin fast ein Fünftel der Fläche der alten Bundesrepublik ausmachte.

Astrid M. Eckert (* 1971)[1] ist eine deutsch-amerikanische Historikerin. Sie unterrichtet an der privaten Emory University in Atlanta im Bundesstaat Georgia. Sie erwarb 1995 den M.A. in Amerikanischer Geschichte an der University of Michigan, 1998 den M.A. in Europäischer Geschichte an der FU Berlin und 2003 den Doktortitel in Geschichte an der FU Berlin. Seit 2021 ist sie Full Professor für moderne europäische Geschichte an der Emory University. Ihre Interessen sind neuere und neueste deutsche Geschichte, moderne europäische Geschichte, Umweltgeschichte und Grenzgebiete.

Dieser Text basiert auf dem Artikel Astrid M. Eckert aus der freien  Enzyklopädie Wikipedia  und steht unter der Lizenz Creative Commons CC-BY-SA 3.0 Unported (Kurzfassung). In der Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar.

8. September 2024
Schlagworte: Bücher, Geschichte, Politik, Wirtschaft
Eintrag teilen
  • Teilen auf Facebook
https://www.rainerboettchers.de/wp-content/uploads/2017/12/textura-media-logo-300x300l.png 0 0 Rainer https://www.rainerboettchers.de/wp-content/uploads/2017/12/textura-media-logo-300x300l.png Rainer2024-09-08 16:26:092025-01-12 21:38:25Astrid M. Eckert: Zonenrandgebiet
Das könnte Dich auch interessieren
Markus Gabriel: Moralischer Fortschritt in dunklen Zeiten
Joseph Henrich: Die seltsamsten Menschen der Welt
Massimo Montanari: Spaghetti al pomodoro
Hamed Abdel-Samad: Aus Liebe zu Deutschland
Charlotte Klonk: Revolution im Rückwärtsgang
Henning Beck: Irren ist nützlich
0 Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

An der Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar Antwort abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

The Writer's Voice

Neueste Beiträge

  • Justus Bender: Deutschland 2033
  • Ruprecht Polenz: Wie ein Volk den Verstand verliert
  • Ernst Piper: Auschwitz
  • Meller/Michel/van Schaik: Die Evolution der Gewalt
  • Annette Dittert: Dear Britain

Tagsonomy

BildungBücherFJSGeschichteGesellschaftHörbuchJournalismusKommunikationMedienPhilosophiePodcastPolitikPopulismusRadioReisenSchreibenSoundsSpracheTechnikWirklichkeitWirtschaftWissenschaft

Feed Me!

Posts RSS
Podcasts RSS

Urheberrecht

Alle Texte dieses Blogs inkl. Audio-Produktionen stehen unter der Lizenz Creative Commons CC BY-NC-ND 3.0 Unported (Kurzfassung). Das heißt, sie können mit Nennung der Quelle, nichtkommerziell und unverändert frei genutzt werden.

Archiv

Auch zu hören im

 

© 2025 - Rainer Böttchers
  • Link zu Bluesky
  • Link zu Mastodon
  • Datenschutzerklärung
  • Sitemap
  • Diary
  • Impressum
Link to: Raul Hilberg: Die Vernichtung der europäischen Juden Link to: Raul Hilberg: Die Vernichtung der europäischen Juden Raul Hilberg: Die Vernichtung der europäischen Juden Link to: Juli Zeh: Unterleuten Link to: Juli Zeh: Unterleuten Juli Zeh: Unterleuten
Nach oben scrollen Nach oben scrollen Nach oben scrollen

Diese Site nutzt Cookies. Wenn Du weiter die Seite nutzt, gehen wir von Deinem Einverständnis aus.

OkMehr dazu×

Cookie- und Datenschutzeinstellungen



Wie wir Cookies verwenden

Wir können Cookies anfordern, die auf Ihrem Gerät eingestellt werden. Wir verwenden Cookies, um uns mitzuteilen, wenn Sie unsere Websites besuchen, wie Sie mit uns interagieren, Ihre Nutzererfahrung verbessern und Ihre Beziehung zu unserer Website anpassen.

Klicken Sie auf die verschiedenen Kategorienüberschriften, um mehr zu erfahren. Sie können auch einige Ihrer Einstellungen ändern. Beachten Sie, dass das Blockieren einiger Arten von Cookies Auswirkungen auf Ihre Erfahrung auf unseren Websites und auf die Dienste haben kann, die wir anbieten können.

Notwendige Website Cookies

Diese Cookies sind unbedingt erforderlich, um Ihnen die auf unserer Webseite verfügbaren Dienste und Funktionen zur Verfügung zu stellen.

Da diese Cookies für die auf unserer Webseite verfügbaren Dienste und Funktionen unbedingt erforderlich sind, hat die Ablehnung Auswirkungen auf die Funktionsweise unserer Webseite. Sie können Cookies jederzeit blockieren oder löschen, indem Sie Ihre Browsereinstellungen ändern und das Blockieren aller Cookies auf dieser Webseite erzwingen. Sie werden jedoch immer aufgefordert, Cookies zu akzeptieren / abzulehnen, wenn Sie unsere Website erneut besuchen.

Wir respektieren es voll und ganz, wenn Sie Cookies ablehnen möchten. Um zu vermeiden, dass Sie immer wieder nach Cookies gefragt werden, erlauben Sie uns bitte, einen Cookie für Ihre Einstellungen zu speichern. Sie können sich jederzeit abmelden oder andere Cookies zulassen, um unsere Dienste vollumfänglich nutzen zu können. Wenn Sie Cookies ablehnen, werden alle gesetzten Cookies auf unserer Domain entfernt.

Wir stellen Ihnen eine Liste der von Ihrem Computer auf unserer Domain gespeicherten Cookies zur Verfügung. Aus Sicherheitsgründen können wie Ihnen keine Cookies anzeigen, die von anderen Domains gespeichert werden. Diese können Sie in den Sicherheitseinstellungen Ihres Browsers einsehen.

Andere externe Dienste

Wir nutzen auch verschiedene externe Dienste wie Google Webfonts, Google Maps und externe Videoanbieter. Da diese Anbieter möglicherweise personenbezogene Daten von Ihnen speichern, können Sie diese hier deaktivieren. Bitte beachten Sie, dass eine Deaktivierung dieser Cookies die Funktionalität und das Aussehen unserer Webseite erheblich beeinträchtigen kann. Die Änderungen werden nach einem Neuladen der Seite wirksam.

Google Webfont Einstellungen:

Google Maps Einstellungen:

Google reCaptcha Einstellungen:

Vimeo und YouTube Einstellungen:

Datenschutzrichtlinie

Sie können unsere Cookies und Datenschutzeinstellungen im Detail in unseren Datenschutzrichtlinie nachlesen.

Datenschutzerklärung
Accept settingsHide notification only