Erwin Grosche: Padermann

Erwin Grosche: Padermann

Nicht-Paderborner brauchen sich dieses Buch nicht zu kaufen, denn sie verstehen die meisten Geschichten nicht. Das ist wie das Prime Time Theater im Wedding, wenn man die sozialen Unterschiede zwischen Charlottenburg und Wedding und Lichtenhain nicht kennt, gehen die meisten Jokes an einem vorbei. Denn Erwin Grosche verwendet in seinen Büchern Dinge, die so nur der Paderborner kennt, sei es die große Gitarre am Laden von Herbert Schallenberg, oder die Namen der sechs Paderquellen (obwohl ich der Fraktion angehöre, die die Augenquelle dazu zählen würde), oder den Bioladen an der Nordstraße. Grosche ist Heimatdichter im reinen Sinne. Seine Geschichten handeln von den Dingen, die in Paderborn wichtig sind. Oder wichtig sein könnten.

Am besten charakterisiert ihn in der Tat Wikipedia:

„Erwin Grosche wurde wahrscheinlich am 25. November in Anröchte/Kreis Soest geboren. Noch immer ist das genaue Datum seiner Geburt ungeklärt. Während seine Mutter immer betonte, dass er am 24. November geboren wurde, gab der Vater dem Standesamt den 25. November als Geburtstermin an. Sein Vater war Bäcker und seine Mutter führte den Lebensmittelladen des kleinen Ortes. Nicht umsonst sind Kuchen und Torten immer Themen, die der Kleinkünstler in seinen Szenen beschreibt und als Bilder benutzt. Grosche besuchte die Volksschule in Berge, bevor er zum altsprachlichen Gymnasium Theodorianum in Paderborn wechselte. Er folgte damit seinem Bruder Heiko, der in ihm auch die Liebe zum Theater und zur Kunst weckt.“

Es ist manchmal schwer, die passende Schublade für ihn zu finden. Ist er Satiriker oder doch Kommödiant? Oder einfach nur Autor? Oder sogar nichts von alledem?

Padermann ist eine fiktive Person, natürlich. Das Buch eine Sammlung von kurzen Geschichten über sein Leben und sein Wirken in der ostwestfälischen Metropole, die die Paderborner für die Hauptstadt von Ostwestfalen halten. Vielleicht sogar von Ostwestfalen-Lippe. Dabei trifft Padermann natürlich auch wichtige Personen dieser Gegend, wie Eugen Drewermann oder den Bischof. Auch die sonstigen Personen kennt eigentlich nur der Paderborner, oder der Zuwanderer mit mehr als 30 Jahren erstem Wohnsitz in der Region. Da die Geschichten um Padermann eigentlich aus 2000 bis 2006 stammen, das Buch aber erst 2020 erschien, findet der Paderborner vertraute Namen, wie Bürgermeister Paus oder andere Verwirrspiele.

Ein Werk der Weltliteratur ist Padermann nicht, soll es auch nicht sein. Es sind die ironischen, widersinnigen oder unsinnigen Geschichten, die man von Erwin Grosche so kennt. Was eher wenige Erwachsene kennen, ist Grosches Karriere als Autor von Kinderbüchern, die oft im WDR gelesen werden. Und die tatsächlich sehr toll sind. So ist Padermann eher Pflichtlektüre als Highlight. Ich persönlich würde dann besser Wie ich mit Gott eine Matratze kaufen ging empfehlen, eine komplette Geschichte, die ihren Höhepunkt im Concord-Matratzenmarkt am Frankfurter Weg findet. Wenn nicht im Biomarkt an der Nordstraße. Padermann ist nett zu lesen, aber eben keine vollständige Geschichte. Eher so etwas für … Paderborner Befindlichkeiten.

In diesem Buch erscheint alles möglich. Der Kirchenkritiker trifft sich mit dem Erzbischof, die Schützen mit dem Papst. Padermanns Heldentaten lassen nichts aus, was die ostwestfälische Seele schon seit Langem bewegt hat. Alles, was in den Jahren 2000 bis 2006 in Paderborn die Gemüter erregte, wird im neuen Buch erwähnt und zusammengewürfelt, es wird kombiniert und erfunden, wie es nur ein Satiriker wie Erwin Grosche darf. Albern, übermütig und weise würfelt Grosche mit Namen, Wünschen und Tatsachen, dass es eine Freude ist, auf diese Weise an manche Begebenheiten nochmal erinnert zu werden. Hier stimmt nichts und alles ist wahr. Abgerundet werden Padermanns Geschichten durch stimmungsvolle Fotografien der Künstlerin Juliane Befeld – besser bekannt als »Linsensüppchen 54«. (Klappentext Lektora-Verlag)

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