Die bestellten Bücher sind noch nicht eingetrudelt, die Wochenendausgabe meiner Zeitung habe ich auch durch, Krautreporter ebenso. Also neben dem Besuch des Bioladens ab in den Buchladen gegenüber und etwas für zwischendurch mitgenommen. Da mein Buchhändler fast keine Sachbücher führt und nur meine Bestellungen erledigt, wurde es ein Roman. Aus einer üblicherweise recht vertrauenswürdigen Bestsellerliste. So kommt man dann doch an Romane, selbst ich. Der Grund, gerade dieses Buch zu kaufen, war der Titel. Der mir als an Sprache Interessiertem allgemein und im Besonderen interessant erschien. Auch wenn es kein Sachbuch war. Selbst der Klappentext las sich erst einmal nicht belanglos. So dann mal ran an den Text. Ich habe tatsächlich durchgehalten.

Das Buch handelt von drei Generationen einer Familie auf einer fiktiven kleinen ostfriesischen Insel, wechselt jeweils die Erzählzeit zugunsten Großeltern, Eltern und dem wichtigsten Protagonisten, dem Sprachwissenschaftler Adam Riese. Geboren als Sohn von Hubert und Oda, mit stark autistischen Zügen, aber hoher Intelligenz und Sprachfähigkeit. Wenn er auch Ironie und Sprichwörter nicht versteht. Die erste Stufe des Dramas beginnt, als Vater Hubert von einer Pilgerreise auf dem Jakobsweg nicht mehr zurückkehrt. Seine Frau Oda verstummt ab da. Schließlich stößt Oda auf dem Festland in einer Buchhandlung auf ein Buch einer Zola Hübner, das den gleichen Titel wie dieses trägt, und in dem sich Hinweise auf den verschollenen Vater finden. Oda bricht ein zweites Mal zusammen. Adam macht sich, um den Vater zu finden und die Mutter zu heilen, auf die Suche nach der Autorin. Er findet sie auch in Göttingen, eine etwas abgedrehte Sprachtherapeutin, mit ihr macht er sich auf die weitere Suche. Eine Reise, die ihn als eher statischen und veränderungsscheuen Menschen quer durch Europa führt, nach Süddeutschland, nach Prag, am Ende nach Frankreich auf eine bretannische Insel. Und er findet seinen Vater, bisher unverständliche und geheimnisvolle Querbezüge zwischen der französischen Insel und Ostfriesland werden verständlich, seltsame Parallelen tauchen auf. Und es läuft am Ende, wie es sollte. Die Familie findet wieder zusammen, und nicht nur Adams Familie, sondern auf die friesische Inselfamilie. Erst ganz am Schluss klärt sich, warum der Vater verschwand, warum so viele Einzelheiten in Adams Leben eben so gekommen sind. Auch Adam verändert sich auf seiner ganz eigenen Heldenreise, am Ende ist er nicht mehr derselbe wie damals, bevor er sich auf die Suche machte. Sein Leben weist nun in eine andere Richtung.

Nun ist ein Roman eben ein Roman, es geht nicht um Fakten oder Wissen. Wenn man jedoch Bücher wie Das Parfüm, Der Name der Rose oder Kästner oder Hesse gelesen hat, wird der Unterschied zwischen Roman und Roman sehr deutlich. Die Erfindung der Sprache hat nichts mit Sprache zu tun, außer dass eben Adam einen besonderen Bezug zu Sprache hat. Sein Autismus ist eher so etwas wie eine Zutat der Geschichte. So wird nur eine Geschichte erzählt, mehr nicht. Das Buch bleibt immer an der Oberfläche, als sei nur die Zeit mit dem Lesen das Ziel. Selbst die Personen bleiben ziemlich undeutlich und eindimensional. Dazu gibt es in dieser Geschichte logische Fehler. Der größte ist der, dass der Weg zu diesem Leuchtturm auf der bretannischen Insel so nicht zu Adam gekommen sein kann, ganz davon zu schweigen davon, dass es technisch nicht möglich gewesen wäre. Spoiler: Als der Vater vor der Pilgerreise sein Tagebuch mit den verklausulierten GPS-Koordinaten hinterließ, konnte er noch gar nicht wissen, wo er landet. GPS-Koordinaten waren zu diesem Zeitpunkt auch dem normalen Bürger nicht zugänglich. Es quietscht immer wieder, ist unplausibel oder unlogisch. Doch wo es gelohnt hätte, der Geschichte eine innere Bedeutung zu geben, nämlich am Ende, fallen sich Mutter Oda und Vater Hubert nur in die Arme. Und selbst die angeblich ertrunkene Zola-die-Katze kehrt zurück. Etwas arg kitschig, etwas arg konstruiert. So verbleibt man am Ende des Buches wie nach einem Hedwig Courths-Mahler-Film. Ohne eine Erkenntnis, ohne eine Einsicht und ohne eine Moral.

Anja Baumheier wurde in Dresden geboren und hat ihre Kindheit in der DDR verbracht. Nach dem Abitur studierte sie Spanisch und Französisch in Potsdam und Granada. Heute arbeitet sie als Lehrerin und lebt mit ihrer Familie in Berlin. 2018 erschien ihr Debütroman Kranichland beim Rowohlt Verlag. Er erzählt die Geschichte der Familie Groen von der Gründung der DDR bis in die Nachwendezeit hinein. Kranichland gelang der Sprung auf die Spiegel-Bestsellerliste. 2019 erschien Anja Baumheiers zweiter Roman Kastanienjahre. Er spielt in dem fiktiven Dorf Peleroich in Mecklenburg-Vorpommern und behandelt das Leben seiner Bewohner von 1949 bis ins Jahr 2010. 2021 erschien Baumheiers Roman Die Erfindung der Sprache. Er erzählt die Geschichte eines ostfriesischen Sprachwissenschaftlers mit autistischen Zügen, der sich auf die Suche nach seinem verschwundenen Vater begibt. (Wikipedia)

 

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