Thomas De Padova: ALLES wird ZAHL

Thomas De Padova: ALLES wird ZAHL

Auf dieses Buch gestoßen bin ich beim regelmäßigen Radiohören. In WDR 5 in der Sendung Neugier genügt – Redezeit. Sieht man das Cover des Buches, scheint es von der Mathematik zu handeln, aber dieser Eindruck täuscht ein wenig. Es geht um die Geschichte der Mathematik zu einer bestimmten Zeit, nämlich der Renaissance. Doch in erster Linie drehen sich die Kapitel um die großen Protagonisten dieser Zeit, und das wieder sind gar keine reinen Mathematiker, sondern eher Künstler. Johannes Müller alias Regiomontanus, Leonardo Da Vinci, Albrecht Dürer. Natürlich geht es auch um Mathematik, aber das bis auf das letzte Kapitel eher am Rande. Es spielt in der Zeit, als das römische Zahlensystem allmählich vom indisch-arabischen abgelöst wurde, als Maler heraus fanden, wie man Perspektiven zeichnet, wie Malerei und Mathematik zusammenhängen, welche große Bedeutung die griechische Geometrie für die bildlich korrekte Darstellung von Tiefen und Winkeln hat. Zuvor waren Bilder und Gemälde eher Farbflächen, erst Da Vinci und Dürer machten aus ihnen Werke, die der Fotografie ähnelten. Aber es geschah noch mehr. So wie heute die Digitalisierung schuf der Buchdruck einen Kulturwandel. Wenn man so will, begann mit dem Buchdruck die Moderne.

Geschrieben hat das Buch Thomas De Padova, Astrophysiker, deutscher Wissenschaftsjournalist und Schriftsteller. Dass hier kein purer Wissenschaftler schreibt, sondern ein Journalist und Autor, merkt man sehr schnell. Padova verliert sich nicht in mathematischen Betrachtungen, sondern zeigt die zentralen Figuren des Buches in ihrer Biografie, ihrer Art und welchen großartigen Leistungen sie erst in der Kunst, später in der Mathematik vollbracht haben. So sind die Kapitel des Buches schon mit Themen aus der Mathematik verbunden, mehr aber noch mit diesen Personen und ihrem Werdegang. Frappierend ist, wie diese Leute mit ihren Werken in die heutige Zeit hineinreichen. Zum Beispiel hat Da Vinci im Prinzip die Explosionszeichnung erfunden, ohne die heute keine Aufbauanleitung von IKEA auskommen würde. Von den abertausenden von Maschinenzeichnungen ganz abgesehen. Am Rande tauchen weitere Figuren der Zeitgeschichte auf wie Kopernikus und Kolumbus, aber auch Martin Luther. So gesehen begann in der Zeit der Renaissance ein wenig die moderne Zeit, als die Erde ihre Stellung als Mittelpunkt des Universums verlor, der Handel ein entscheidender Motor der Wirtschaft wurde und der Buchdruck die Kultur der Menschheit revolutionierte. Den Abschluss bildet neben einem Italiener der Pfarrer Michael Stifel, den man wegen seiner fehlerhaften Berechnung des Zeitpunktes des Jüngsten Gerichtes beinahe gelyncht hätte, auf den aber unser + für Addition und – für Subtraktion sowie das Wurzelzeichen zurückgehen. Der überhaupt als erster eine mathematische Formelsprache erfunden hat, die bis heute gilt. Auch der Astrologe Girolamo Cardano hat Großes für die Mathematik geleistet. Nicht nur hat er die Grundlagen der Wahrscheinlichkeitsrechnung gelegt. Nicht aus Liebe zur Mathematik, sondern wegen seiner Spielsucht. Zum Schluss geht es um den Streit zwischen Stifel und Cardano um das Lösen kubischer Gleichungen. Die einzige Stelle im Buch, an dem man mit einigen mathematischen Details konfrontiert wird. Diese Entwicklung kennzeichnet die Abtrennung der Algebra von der Geometrie, diese mathematischen Fragen sind nicht mehr geometrisch lösbar wie zuvor.

Damit ist ALLES wird ZAHL trotzdem weniger ein mathematisches als ein historisches Buch. Irgendwo auch Biografie, Zeitgeschichte und Kunstgeschichte, wie sich Deutschland und Italien in vielen Bereichen gegenseitig gefördert haben. Padova schreibt diese Geschichten unterhaltend wie auch faszinierend, ich habe das Buch fast in einem Zug durchgelesen. Hat man einen gewissen Sinn für Mathematik und Geschichte, erfährt man viel über die Hauptdarsteller, aber auch über allgemeine Geschichte und Hintergründe der Entwicklung. Dabei lässt sich hier und da eben ein kleiner Ausflug in mathematische Themen nicht vermeiden, aber selbst die gelingen Padova unterhaltend statt gelehrig. Man braucht also keine besondere Beziehung zur Mathematik für dieses Buch. Man kann es einfach so lesen und eine Menge Dinge über historische Personen lernen, von denen man doch eher wenig wusste. Klasse Buch, lesenswert und clever geschrieben.

Im 15. und 16. Jahrhundert erwacht die Mathematik in Europa. Die arabischen Ziffern samt der bis dato unbekannten Null erobern das kaufmännische Leben. Die Erfindung der Zentralperspektive und die Wiederentdeckung der griechischen Geometrie verändern Kunst und Wissenschaft. Bilder sind nun Fenster zur Welt, die neue Mathematik ebenso. Der Astronom Regiomontanus und Albrecht Dürer in Nürnberg spielen bei diesem Umbruch eine ebenso große Rolle wie Leonardo da Vinci und der Universalgelehrte Girolamo Cardano in Mailand. Lebendig und mit dem besonderen Blick für das Verborgene erzählt Thomas de Padova ein spannendes Kapitel der Mathematikgeschichte und eröffnet eine neue Perspektive auf eine flirrende Epoche – die Renaissance. (Pressetext Hanser-Verlag)

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  1. […] manche Bücher musss man gewisse Vorlieben haben. Bei ALLES wird ZAHL für die Mathematik, bei Die kürzeste Geschichte Englands für Großbritannien oder wenigstens […]

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