Michael Schmidt-Salomon: Die Grenzen der Toleranz

Michael Schmidt-Salomon: Die Grenzen der Toleranz

Nach dem Lesen seines Buches Keine Macht den Doofen war ich auf das nächste Buch im Stapel gespannt. Während Michael Schmidt-Salomon dieses vorherige Buch schon auf dem Cover deutlich als Streitschrift definiert, ist Die Grenzen der Toleranz ein philosophischer Diskurs. Schmidt-Salomons Grundfragen sind: Was ist überhaupt eine offene Gesellschaft und was grenzt sie von einer geschlossenen Gesellschaft ab? Wie war die historische und gesellschaftliche Entwicklung? Und: Wie begegnen wir aktuell der Situation, dass eine nicht unwesentliche Zahl von Menschen dringend wieder eine geschlossenen Gesellschaft fordert? Um es gleich vorweg zu nehmen, ist dieses Buch als philosophisches Werk keine Literatur für den Nachttisch oder für das Lesen so nebenbei. Waren die Doofen noch ein überschaubares Thema mit dem Hintergrund einer teilweise humorvollen Betrachtung, geht Schmidt-Salomon hier ins sozialphilosophische Detail. Flapsig formuliert holt er hier den wissenschaftlichen Hammer raus. Dass dabei keine staubtrockene und langweilige Fachliteratur heraus kommt, liegt an der vielschichtigen und sehr realitätsnahen Sichtweise auf ein sehr dringendes Thema. Dabei ist es Schmidt-Salomons Verdienst, eine scheinbar aktuelle Frage auf historische Entwicklungen zurück zu führen. Wobei dann verblüffende Tatsachen ans Licht kommen. Die Leseprobe deutet es an.

Das Buch teilt sich in drei Abschnitte, es beginnt mit einer ausgiebigen historischen Darstellung. Zu einer Zeit, in der in Europa Frauen als angebliche Hexen auf dem Scheiterhaufen landeten und in einem 30 Jahre langen Krieg halb Europa in Schutt und Asche gelegt wurde, waren die islamischen Staaten ein Ort der Toleranz, Offenheit und Wissenschaft. Der heutige Zustand, mit einem islamischen Faschismus und dem politischen Islam, ist deutlich jünger als man als Mitteleuropäer gemeinhin denkt. Schmidt-Salomon liefert hier ein Bild, von dem wir in Europa nichts wissen wollen, weil es unseren Vorurteilen und Überzeugungen deutlich widerspricht. Es geht auch mit der Meinung ins Gericht, es gäbe keinen islamischen Humanismus, das Gegenteil ist der Fall, nur übertönt der politische Islam viele andere Aspekte unter Muslimen. Abschnitt zwei diskutiert die Aspekte einer offenen und einer geschlossenen Gesellschaft, über die Geschichte der Toleranz und Akzeptanz wie auch der zivilisierten Verachtung. Wann Toleranz tatsächlich solche ist und was nicht tolerierbar. Was aber auch Warnungen beinhaltet, vor falscher Nachsicht und falsch verstandener Toleranz.

Der letzte Abschnitt konzentriert sich auf Lösungsansätze wie auch auf Wege aus der von Dogmen und religiösen Axiomen und Widersprüchlichkeiten beherrschten westlichen Welt. Kern ist ein Weg, der einerseits unsere Gesellschaft öffnet und Integration erlaubt, andererseits aber wieder zum konstruktiven Streit führt. Was man ihm zugute halten muss, ist seine Liste an Maßnahmen, die von einer kollektiven zu einer individualistischen Gesellschaft führen ohne theoretisch oder abstrakt zu sein. Lapidar formuliert: sowohl Schmidt-Salomons Analysen als auch seine Folgerungen haben Hand und Fuß. Daneben öffnen sie dem Leser eine überwiegend neue Sicht auf Islam und Christentum, alter und neuer Welt wie auch andere Sichten auf Integration und deren Konsequenzen, für beide Seiten.

Das Buch ist stark philosophisch geprägt, die Folgerungen sind aber klar an realistischen Zielen und Maßnahmen orientiert. Dass dabei Karl Popper und andere Philosophen zu Wort kommen, ergibt sich fast von selbst. Aber trotz der stark wissenschaftlichen Betrachtung liest sich das Buch locker und ist eigentlich eine perfekte Form des Edutainment. Historische Fakten, politische Entwicklungen, Betrachtungen religiöser Themen und praktische Ratschläge in appetitlicher und verständlicher Form. Die Grenzen der Toleranz ist ein Buch mit vielen Lerneffekten, erstaunlichen wie überraschenden historischen und zeitgeschichtlichen Darstellungen, in verständlicher und prima lesbarer Sprache. Eines der wirklich wertvollen Bücher über die wesentlichen und teilweise drängenden Fragen unserer Zeit, ohne das Wort Flüchtlinge oder Integration überhaupt in den Vordergrund zu stellen. Mit Lösungsvorschlägen, die ich für essentiell und zielführend halte. Erhellend, faszinierend und zugleich unterhaltsam.

Ich bin auf sein drittes Buch auf meinem Schreibtisch gespannt. Bisher hat er sich nur gesteigert.

Die offene Gesellschaft hat viele Feinde. Die einen streiten für »Allah«, die anderen für die Rettung des »christlichen Abendlandes«, letztlich aber verfolgen sie das gleiche Ziel: Sie wollen das Rad der Zeit zurückdrehen und vormoderne Dogmen an die Stelle individueller Freiheitsrechte setzen. Wie sollen wir auf diese doppelte Bedrohung reagieren? Welche Entwicklungen sollten wir begrüßen, welche mit aller Macht bekämpfen? Michael Schmidt-Salomon erklärt, warum grenzenlose Toleranz im Kampf gegen Demagogen auf beiden Seiten nicht hilft und wie wir die richtigen Maßnahmen ergreifen, um unsere Freiheit zu verteidigen.. (Klappentext Pieper-Verlag)

 

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