Sascha Lobo: Realitätsschock

Sascha Lobo: Realitätsschock

Ich war ein wenig überrascht, als dieses Buch von Sascha Lobo angekündigt wurde. Bisher kannte ich ihn nur als Blogger und Journalist. In der Hauptsache als Wissenden in Sachen Internet, vermischter Realität und digitalen Technologien, mit Schwerpunkt auf die Auswirkungen auf die gesellschaftliche Entwicklung. Er war es auch, der angesichts der globalen Überwachungs- und Spionageaffäre rund um die NSA feststellte: „Das Internet ist kaputt!“ Seine Kolumne Die Mensch-Maschine mit Stellungnahmen zu Kommentaren der Leser in SPIEGEL Online gehört schon lange zu meinen regelmäßig gehörten Podcasts. Lobo verfügt nicht nur über ein sehr detailliertes Wissen rund um digitale Technologien, sondern hat dazu ein gewissen Händchen, die Entwicklungen und Konsequenzen daraus politisch und gesellschaftlich zu interpretieren. Daher ahnte ich so ungefähr, worum es in dem Buch gehen würde. Ich wurde nicht enttäuscht.

Was den Inhalt angeht, zitiere ich Lobo hier von der Website zum Buch:

Das Gefühl, die Welt sei aus den Fugen geraten, ist das Ergebnis eines Realitätsschocks. Viele Gewissheiten und Selbstverständlichkeiten sind in den letzten Jahren regelrecht verpufft, unser Bild der Welt hat sich allzuoft als unvollständig oder sogar falsch herausgestellt. Eine neue, hyperkomplexe Wirklichkeit ist im 21. Jahrhundert über uns hereingebrochen, mit ungefähr fünfzehn Jahren Verspätung zum Jahrtausendwechsel, cum tempore gewissermaßen. Nicht, dass Ende des 20. Jahrhunderts alles einfach, gut und entspannt gewesen wäre. Liberalen Demokratien sind viel weniger stabil als gehofft. Eine notorisch lügende, faschistoide Witzfigur wie Donald Trump wurde mithilfe von Facebook, Fox News und Putin zum US-Präsidenten gewählt. Die Nation, die wie keine zweite im 19. und 20. Jahrhundert für zivilisatorische Stärke stand, scheitert epochal an einem selbst eingebrockten Brexit. In der vor über hundert Jahren selbstgegebenen Mission der New York Times steht: „Wir folgen der Wahrheit, wohin immer sie uns führt.“ Es steckt viel Weisheit darin, denn zwischen den beiden Teilen dieses Satzes lässt sich der Schmerz fühlen, den man spürt, wenn die unerbittliche Realität einem die zuvor sorgsam gepflegte Weltsicht kaputt macht.

Aber Digitalisierung und Globalisierung haben zuvor Unverbundenes vernetzt, Übersehenes sichtbar gemacht und uns die Illusion einer Kontrolle geraubt. Wir wurden plötzlich in eine hyperkomplexe Welt hineingeworfen und sitzen benommen da, nachdem hinter der Wartungsklappe eine unüberschaubare Zahl von Zahnrädern, Gewinden und Kupplungen auftauchen. Dieses Buch hilft dabei, diese neuen, oft verstörenden Entwicklungen zu sortieren, einzuordnen und verstehen zu lernen. Und obwohl es auf manchen Seiten die bittere Wirklichkeit zwischen Klimawandel, Integrationsscheitern und Rechtsruck beschreibt, weckt es im Schlusskapitel größtmögliche Hoffnung.

Es gelingt Lobo, das Zerfallen des Gewohnten plakativ und zugleich deutlich zu beschreiben. Dazu benutzt er den Titel des Buches als Kapitelthemen, der Schock über die Kapitalisierung des Internets, die Schadwirkung der sozialen Medien, den Aufstieg der AfD und der Neofaschisten, die Folgen der Migration und des Scheiterns der Integration, den Aufstieg Chinas zur Wirtschaftsmacht und die Auswirkungen auf die Weltwirtschaft. Lobo hat den Vorteil, dass er aus der Sicht des Journalisten schreibt, nicht aus der Sicht eines Wissenschaftlers. Deshalb bleibt das Buch immer verständlich und lesbar, bleibt auch immer in der persönlich erfahrbaren Realität. Es macht einfach Spaß, Lobos Argumentation und seinen Schlüssen zu folgen. Alles, was noch vor einigen Jahren als undenkbar und eher satirisch erschienen wäre, ist Wirklichkeit geworden. Man kann all das nun noch einmal bei Lobo nachlesen. Wie ein Schwachkopf und Reaktionär amerikanischer Präsident wurde, wie aus Ungarn und Polen wieder illiberalere Staaten wurden. Politikern würde ich besonders das Kapitel über China ans Herz legen. Dort können sie nachlesen, wie Europa und die USA zusehends die ehemals vorherrschende Stellung in der Wirtschaft verlieren werden. Nicht trotz der chinesischen Diktatur und des Überwachungsstaates, sondern genau deswegen, und wegen der ganz anderen Planung der chinesischen Regierung. Für all diese Erkenntnisse braucht man keine hochgestochene wissenschaftliche Ausbildung, sondern nur einen klaren Blick und die richtigen Folgerungen. Das ist die Stärke dieses Buches. Das ist auch Sascha Lobos Stärke.

Klappentext Ullstein-Verlag

Haben Sie das Gefühl, die Welt sei aus den Fugen geraten? Sie sind nicht allein – die meisten Menschen haben in den letzten Jahren einen Realitätsschock erlitten: Unser Bild der Welt hat sich oft als kollektive Illusion entpuppt. Wer hätte damit gerechnet, dass Trump die Wahl gewinnt und die Briten für den Brexit stimmen? Dass Hunderttausende nach Europa flüchten und dabei Zehntausende sterben? Dass so viele Demokratien nach rechts kippen? Dass der Klimawandel so schnell spürbar wird und über Nacht eine weltweite Klima-Jugendbewegung entsteht? Sascha Lobo erklärt in seinem neuen Buch, warum die Welt plötzlich aus den Fugen geraten zu sein scheint. In seiner großen Analyse untersucht er, woher diese drastischen Veränderungen kommen und was wir daraus lernen können und müssen.

1 Antwort

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  1. […] war wohl der Titel, der dieses Buch zusammen mit Sascha Lobos Buch in den Einkaufskorb wandern ließ. Namentlich war mir Doris Dörrie schon vertraut, als […]

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