Der Mittelteil seiner Trilogie Eine kurze Geschichte der Menschheit, 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert und Homo Deus – Eine Geschichte von Morgen. Während der erste Teil auf die Entstehung des Homo Sapiens zurückblickt und der letzte in die ferne Zukunft unserer Spezies voraus, geht Harari hier in die nahe Zukunft des Menschen. Wie er das tut, ist etwas ungewöhnlich, wenn auch nicht revolutionär. Er nimmt sich 21 Stichwörter in fünf Bereichen oder Kapiteln und, nun ja, philosophiert darüber. Wofür stehen Menschen bei diesen Begriffen und was wird daraus in der nächsten Zeit werden? Welche Rolle spielen sie aktuell und welche in der nahen Zukunft? Das sind Begriffe wie Desillusionierung, Gleichheit, Religion, Demut oder Postfaktisch. In diesem Sinne tendiert das Buch eher in eine philosophische Richtung als in eine historische, anstatt Sachbuch oder Analyse zu sein. So steht eine Prognose im Vordergrund, noch mehr eine Reflektion, trotz des Blicks in die Zukunft. Mal wieder ein sperriges Buch von Harari, nix für die Sonnenliege auf Malle. Trotzdem klug, faszinierend und erhellend. Ein Buch, dem es gelingt, einen auf eigene Gedanken zu bringen.

Die großen Erzählungen der Menschheit haben sich als Fiktionen erwiesen. Zuerst der Faschismus, später der Kommunismus, und nun zerbröselt auch noch die letzte große Erzählung, die ewigen Wohlstand und Glückseligkeit versprach, der Liberalismus. Enttäuscht wenden sich die Menschen vom Urtraum des Liberalismus ab, der Globalisierung, die allen Fortschritt verkörpern sollte. Trump-Wähler, Brexit-Befürworter, aber auch die AfD-Wähler, dazu viele Linke. Weil Frieden, Freiheit und Gleichheit mehr und mehr auf der Strecke bleiben. Stattdessen zerstören wir unsere Lebensgrundlagen und richten diesen Planeten zugrunde. Die Menschheit steht am Beginn einer Zukunft, die den Kern der liberalen Erzählung, die des autonomen Subjekts mit einem freien Willen, als Fiktion entlarvt. So die Betrachtung der Gegenwart, wie sie Harari darstellt. Doch was wird nun aus der Zukunft?

Zwei technologische Entwicklungen gewinnen immer mehr Bedeutung. Einmal die der Künstlichen Intelligenz und die der Biotechnologie. Daraus könnte eine Macht entstehen, die das Innerste des Menschen, seine Gefühle und Überzeugungen „hacken“, kontrollieren und formen kann. Algorithmen werden die besseren Entscheidungen treffen, als ein Mensch das jemals könnte. Aber es heißt auch, dass mit diesen Technologien Milliarden von Jobs überflüssig würden und sich die Menschheit in eine kleine Elite und eine neue Klasse der „Nutzlosen“ aufspaltet. Die gesellschaftlichen und politischen Probleme daraus sind heute noch nicht absehbar. Eine düstere Fiktion, die nicht wirklich als Fiktion taugt. Aber muss es so kommen? Genau so könnten KI und schnelle Netze dabei helfen, noch weniger Verkehrstote zu haben. Die Biotechnologie könnte dabei helfen, viele Krankheiten endgültig auszumerzen und ein dreistelliges Lebensalter als Standard zu setzen. Es ist also nicht einfach Schwarz und Weiß. Stattdessen ist die Gegenwart gekennzeichnet durch radikale Unsicherheit und verbunden mit der Aufgabe, ein neues Narrativ für die Zukunft zu erfinden. Und wie sieht das aus? Für Harari besteht dieses Narrativ im Kern aus einer säkularen Haltung, in der die Suche nach Wahrheit die eine, und das Mitgefühl für das Leiden der Anderen die andere Verpflichtung ist. Dabei aber müssen wir zum Teil auch wieder von diesen technologischen Sichtweisen abrücken. Zum Beispiel, dass das Gehirn nicht der Geist ist. Damit wir uns wieder darauf konzentrieren, die Zukunft aus unserer Vernunft und Einsichtsfähigkeit zu gestalten.

Im seinem Buch geht es Harari um Vieles, um globale und individuelle Herausforderungen, um Themen wie Arbeit, Freiheit, Gleichheit, Nationalismus, Terrorismus, Religion, Postfaktisches und Mediation, vor allem aber um Lektionen, in denen Harari seinen Leserinnen und Lesern Empfehlungen gibt, wie mit diesen und anderen Problemen zukünftig umgegangen werden kann. In einer Welt, in der sich die Bedrohungen vervielfältigt und globalisiert haben, griffige Erklärungen und Handlungsanweisungen für den Umgang mit den Bedrohungen fehlen, sind klare Vorstellungen davon, was das Leben überhaupt ausmacht, dringend vonnöten. So ist Hararis Sicht keineswegs pessimistisch. Wie zum Beispiel die Situation, dass Kriege immer unwahrscheinlicher werden, weil Kriege heute keine materiellen Gewinne  mehr erzielen wie vor einhundert Jahren. Weil die Ökonomie keine Kriege mehr gebrauchen kann.

Es ist schon ein Überfliegerbuch, wie eigentlich alle Bücher von Harari. Es ist sehr gut übersetzt, es ist kein Überfliegertext. Aber es streift so viele Themen, dass manchmal die Übersicht verloren geht. Nicht alles ist neu, was Harari präsentiert, viele der Fragen und Antworten sind schon woanders zu lesen gewesen. Doch schafft er es, in diesem Moloch von Themen Leserinnen und Leser nachdenklich zurück zu lassen, immer mal wieder einen neuen Haken zu schlagen und schon bekannten Themen neue Blickwinkel zu geben. Deshalb ist es kein überflüssiges Buch. Schon nicht wegen der immer mitlaufenden Ermahnung. Sorgt Euch um die Anderen und habt den Mut, Euch Eures eigenen Verstandes zu bedienen!

Yuval Noah Harari (* 24. Februar 1976 in Kiryat Ata, Bezirk Haifa) ist ein israelischer Historiker. Er lehrt seit 2005 an der Hebräischen Universität Jerusalem und ist mit Forschungen zur Militärgeschichte und universalhistorischen Thesen hervorgetreten. Seine populärwissenschaftliche Monographie Eine kurze Geschichte der Menschheit wurde zu einem internationalen Bestseller. Auch die in die Zukunft zielende Nachfolgepublikation Homo Deus – Eine Geschichte von Morgen sowie die auf Orientierung in der Gegenwart gerichteten 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert erreichten in zahlreichen Übersetzungen eine breite Leserschaft. Harari, der als Gesellschaftsanalytiker und Vordenker auch von internationalen Spitzenpolitikern geschätzt und empfangen wird, schreibt regelmäßig Kolumnen für die Tageszeitung Haaretz. (Wikipedia)

 

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