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Robin Alexander: Machtverfall

Robin Alexander: Machtverfall

Der Untertitel Ein Report ist eine deutliche Untertreibung. In Machtverfall fasst der Journalist Robin Alexander die politischen Geschehnisse in Deutschland von ca. 2015 bis April 2021 zusammen. Angefangen bei der Flüchtlingskrise, aber auch mit Rückblick auf frühere Ereignisse, wie den Börsencrash 2008. Was zugleich bedeutet, dass das Buch in einiger Zeit nur noch historisch interessant ist, keine aktuelle Politik mehr. Scheint auf den ersten Blick etwas wenig, aber diese Schwäche ist zugleich eine Stärke des Buches. Eine Stärke, die zurecht das Buch schnell in die Bestsellerlisten katapultiert hat. Es ist eben keine Aufzählung im Sinne von „erst passierte das, dann das“. Es ist eine detailgenaue Analyse der politischen Stationen der politischen Parteien, wobei, der Titel lässt es ahnen, die CDU im Vordergrund steht. Mit diesem Aufhänger geht es durch die letzten Jahre Politikgeschichte in der Bundesrepublik. Hineingewebt sind jede Menge Details, über die Alexander aus seinem alltäglichen Job verfügt, oft keine öffentlichen, vielleicht sogar außerhalb des öffentlichen Interesses. Doch alles zusammen, Fakten, Analysen, Details, machen aus dem Report einen spannenden Roman.

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James Hawes: Die kürzeste Geschichte Englands

James Hawes: Die kürzeste Geschichte Englands

Für manche Bücher musss man gewisse Vorlieben haben. Bei ALLES wird ZAHL für die Mathematik, bei Die kürzeste Geschichte Englands für Großbritannien oder wenigstens einen Teil davon. Nun findet man Details über die englische Geschichte nicht erst seit diesem Buch, aber selten so kompakt und dicht. James Hawes hatte bereits Die kürzeste Geschichte Deutschlands geschrieben, nun macht er das für sein Heimatland Großbritannien. James Hawes, geboren 1960 in der englischen Grafschaft Wiltshire, ist passionierter Schriftsteller und Universitätsdozent für kreatives Schreiben in Oxford, promovierter Germanist.  Seine Geschichte über das Werden Englands, wie wir es heute kennen, beginnt bei ihm 55 v. Chr., als die Römer erstmals das südliche England besuchten, aber nicht blieben. Erst gut zehn Jahre später schauen sie mal wieder vorbei und lassen sich nieder. Eine kulturelle Hochzeit beginnt in dem Bereich, den wir heute England nennen. An den Vorläufern der Bewohner des heutigen Schottland und Cornwall scheitern sie. Ehe ich nun auf weitere Details nach dem Abzug der Römer eingehe, die Kriege mit Pikten und Walisern, die Überfälle von Wikingern, Dänen, Sachsen und Franken: den Inhalt des Buches nur annähernd zu umreißen, ist praktisch nicht möglich. Ich versuche es trotzdem.

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Thomas De Padova: ALLES wird ZAHL

Thomas De Padova: ALLES wird ZAHL

Auf dieses Buch gestoßen bin ich beim regelmäßigen Radiohören. In WDR 5 in der Sendung Neugier genügt – Redezeit. Sieht man das Cover des Buches, scheint es von der Mathematik zu handeln, aber dieser Eindruck täuscht ein wenig. Es geht um die Geschichte der Mathematik zu einer bestimmten Zeit, nämlich der Renaissance. Doch in erster Linie drehen sich die Kapitel um die großen Protagonisten dieser Zeit, und das wieder sind gar keine reinen Mathematiker, sondern eher Künstler. Johannes Müller alias Regiomontanus, Leonardo Da Vinci, Albrecht Dürer. Natürlich geht es auch um Mathematik, aber das bis auf das letzte Kapitel eher am Rande. Es spielt in der Zeit, als das römische Zahlensystem allmählich vom indisch-arabischen abgelöst wurde, als Maler heraus fanden, wie man Perspektiven zeichnet, wie Malerei und Mathematik zusammenhängen, welche große Bedeutung die griechische Geometrie für die bildlich korrekte Darstellung von Tiefen und Winkeln hat. Zuvor waren Bilder und Gemälde eher Farbflächen, erst Da Vinci und Dürer machten aus ihnen Werke, die der Fotografie ähnelten. Aber es geschah noch mehr. So wie heute die Digitalisierung schuf der Buchdruck einen Kulturwandel. Wenn man so will, begann mit dem Buchdruck die Moderne.

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Gartenrunde, wohl 70er Jahre

Gartenrunde, wohl 70er Jahre

Obwohl ich Jürgen Wiebickes Buch nun schon länger abgeschlossen habe, wirkt die Geschichte in mir nach. Einmal, weil es viele Parallelen gibt, Wiebicke ist Jahrgang 1962, ich bin Jahrgang 1956. Auch meine Mutter ist die vorletzte Person in meiner Familie, die noch den letzten Krieg selbst erlebt hat, zu meiner Tante, Witwe des Bruders meiner Mutter, habe ich keinen Kontakt mehr. So wie Wiebicke seinen tief roten, sozialdemokratischen Opa hatte, der trotzdem für aus seiner Sicht schlechte Menschen den Begriff „Jüd“ verwendete, gab es bei mir Onkel Heini, Bruder meiner Großmutter, der noch bis zu seinem Tod in den Achtzigern den überzeugten Nazi heraushängen ließ. Seine Tochter schwärmte von den tollen Zeiten im BDM (Bund deutscher Mädchen), Jude und Neger waren noch übliche Schmähungen in dieser Zeit. Das, was Wiebicke als Nazigift bezeichnet, war genau so in meine Familie tief eingedrungen, war ein Teil der DNA geworden. Dazwischen ich, die Pubertät gerade hinter mir, politisch weit links und bereits Teil der beginnenden Globalisierung. Nicht mehr lange und ich sollte in den USA, in Australien und England arbeiten und leben, wenigstens einige Zeit. So wie Wiebicke rücke ich beim Ableben meiner Mutter, 1933 geboren, ein Kästchen weiter nach vorn. Dann bin ich der Älteste in der Familie. Und der Letzte, der wenigstens noch von Zeitzeugen unmittelbar etwas über den Krieg gehört hat. Die Welt mit seiner Mutter, die Erzählungen über Bombenangriffe, Bunkernächte und die unbesiegbare Angst, kenne ich wie Wiebicke von seiner Mutter gut. Und doch ist es nicht das allein, was nachwirkt.

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Jürgen Wiebicke: Sieben Heringe

Jürgen Wiebicke: Sieben Heringe

Das Attribut ‚berührend‘ verwende ich für Bücher nur sehr spärlich. Das einzige Buch, dem ich es nach meiner Erinnerung zugestanden habe, war das Buch Nur noch eine Tür von Uwe Schulz. Nun ist ein weiteres Buch dazu gekommen. Es stammt von Jürgen Wiebicke, freier Journalist, Autor, Philosoph, Moderator bei WDR5 für Das Philosophische Radio, aber auch das Tagesgespräch oder Neugier genügt. Dazu am philosophischen Festival phil.COLOGNE beteiligt. Nun könnte man annehmen, dass das Thema Sterben und Tod immer irgendwie berührend sei, schon wegen der Unumgänglichkeit für uns selbst. Aber das ist es nicht, der reale Tod nimmt hier nur in der Vergangenheit einen Platz ein, beim Tod des Vaters oder des Großvaters. Es geht ihm um etwas Anderes. Als Wiebicke klar wird, dass seine Mutter nicht mehr lange zu leben hat, beginnt er zu dokumentieren, was die Erlebnisse, Erfahrungen und Geheimnisse dieser Kriegsgeneration sind, von der seine Mutter in seiner Familie die vorletzte Vertreterin ist. Woher das häufige Schweigen kommt, über diese Zeit, welche Dinge nicht in die Öffentlichkeit sollten, was von den Geschehnissen der Zeit ab 1933 bis 1945  übrig blieb. Herausgekommen ist ein Buch, das um so nachdenklicher stimmt, je enger der zeitliche Horizont des Lesers ist. Oder, wie Wiebicke es formuliert, dass man selbst mit dem Tod der Eltern ein Kästchen weiter nach vorne rückt.

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Francis Fukuyama: Identität

Francis Fukuyama: Identität

„Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ So sagt es das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland in Artikel 1. Würde man einen beliebigen Politiker fragen, was mit dieser Würde gemeint ist, bekäme man wohl eher Gestammel zu hören. Denn was diese Würde nun tatsächlich ist, ist allgemein nirgendwo definiert. Francis Fukuyama,  US-amerikanischer Politikwissenschaftler und Direktor des Zentrums für Demokratie, Entwicklung und Rechtsstaatlichkeit an der Stanford University, beschreibt die Würde eines Menschen als die Fähigkeit, moralisch zu entscheiden und damit das Recht auf Gleichberechtigung mit allen anderen Menschen. So verbindet er die Würde eines Menschen mit seiner Identität, ein Thema, das schon in einem vorherigen Buch Thema war. So schwierig und komplex diese Verbindung nun ist, wird es in diesem Buch insgesamt nicht einfacher. Keine Lektüre für den Nachttisch oder für zwischendurch, denn Fukuyama spannt ein weites Feld auf. Er beginnt bei den Philosophen des Altertums, folgt dann Luthers Gedanken und geht weiter zu Rousseau. Landet am Ende bei der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Situation in den USA und in Europa. Auch wenn er nicht alle Probleme lösen kann und will, kann der Leser doch einige erstaunliche Betrachtungsweisen mitnehmen.

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