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Petra van Laak: Clever texten fürs Web

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Bei dem jetzt schon verfügbaren Arsenal an Büchern für das Online-Geschäft in 2017 noch ein neues dazu heraus zu bringen, erfordert Mut. Oder ein ganz neues Konzept. Oder eine ganz neue Methode. Nach den positiven Erfahrungen mit anderen Büchern dieses Genres bestellte ich das Buch sofort und hoffnungsfroh, denn es war vollmundig angeboten. Von einem Verlag, der schlechthin für Qualität steht. Dieses Mal leider eine Fehleinschätzung meinerseits.

Erwartet hätte ich dem Titel nach einen konzentrierten Beitrag zum Thema Texten, denn so lautet der Titel des Buches. Auch ging ich davon aus, dass etwas Neues käme, Methoden oder Regeln für Leute, die grundsätzlich schon schreiben, aber besser werden wollen. Petra van Laak hätte sich wohl einen ihrer ersten Hinweise zu Herzen nehmen sollen, denn die Zielgruppe, für die sie schreibt, existiert seit gefühlten 20 Jahren nicht mehr: Leute, denen man erklären muss, was Facebook, Twitter und Instagram sind. Sie hätte auch den Titel ihres Buches ernster nehmen sollen. Denn um das wirkliche Texten geht es höchstens in einem Drittel des Buches. Davon sind ganzseitige Schilderungen ihres Agenturalltages und massenhafte Beispiele aus ihren Projekten keine Hilfe fürs Texten. Nur, dass diese Schilderungen mir wenig sagen und auch mit dem Hauptthema des Buches verschwindend wenig zu tun haben. Das eigentliche Thema Texten, der eigentliche Inhalt des Buches, besteht aus Hinweisen, die ich in hundert Blogs spezifischer und greifbarer finde. Dass Schlüsselwörter in Überschriften gehören oder dass Bilder barrierefreie ALT-Tags bekommen, ist keine wirklich neue Erkenntnis. Das Hamburger Verständlichkeits-Modell in einem einzigen Satz abzuhaken, ist fast eine Kunst. Was responsives Webdesign ist, gehört in diesem Umfang nicht in ein Buch über Texte. Überhaupt haben die ganzen Web-Themen mit Texten rein gar nichts zu tun.

Der Rest des Buches sind Erklärungen von Online-Diensten und Social Media-Kanälen, auf weit mehr als einem Drittel des Buches. Die letzten 50 Seiten bedienen gleichzeitig Search Engine Optimization, Story Telling und Content Marketing. Schon über diese Einzelthemen alleine schreiben andere Autoren ganz dicke Bücher. Abgerundet wird der Inhalt mit der Aufforderung, im Buch hin und her zu springen und mal zu sehen, was man so findet. So etwas mache ich in Amazon oder im Spiegel, in einem Buch, genauer: in einem Fachbuch, möchte ich durch die Gedanken und das Wissen des Autors geführt werden. Ich erwarte ein Konzept und eine Linie. In diesem Buch habe ich nichts gelesen, was mir nicht schon vorher oft genug online untergekommen wäre. Kostenlos. Das Buch ist eine wahlfreie Sammlung von Dingen, die irgendwie mit Texten und mit Online-Business  zu tun haben. Leider ohne Linie und ohne Konzept.

Nun mag man einwenden, das Buch sei eine Einführung für Anfänger im Online Business. Aber wer gerne in 2017 Twitter erklärt bekommt und dass SEO sowieso eigentlich ganz einfach ist, sollte vielleicht gleich die Finger von diesem Thema lassen. Dem Duden-Verlag würde ich empfehlen, neue Bücher etwas genauer unter die Lupe zu nehmen und entsprechend zu bewerben. Dieses Thema können einige Bücher besser.

Bill Bryson: Eine kurze Geschichte von fast allem

Bill Bryson: Eone kurze Geschichte von fast allem

Bill Bryson: Eine kurze Geschichte von fast allem

Wenn man Schülern, auch denen der höheren Klassen, etwas wirklich Schlimmes antun möchte, würde die Aufgabe lauten: verfasse eine Inhaltsangabe dieses Buches. Das Problem wäre nicht etwa der Umfang.  Gut 600 eng bedruckte Seiten haben viele Werke der Literatur. Es ist mehr der Inhalt. Bryson stellt Fragen, viele Fragen. Wie groß ist das Universum? Was wiegt unsere Erde? Wie viele Atome enthält ein Mensch? Was sind Bakterien? Wie sind sie entstanden und warum? Wie entstand die Erde, der Kosmos, der Mensch? Warum gab es Eiszeiten? Allein die Fragen aufzulisten, wäre kaum in einem solchen Blog-Eintrag möglich.

Nun ist Bryson natürlich weder naiv noch blöd. Es geht um etwas ganz Anderes, nämlich um die Geschichte der Wissenschaften. Viele dieser Fragen haben sich bereits altgriechische Philosophen gestellt. Erste, natürlich falsche Antworten, kamen ab dem 15. Jahrhundert, da war dann nach Aussage führender Wissenschaftler absolut sicher, das die Erde nicht älter als 76 Millionen Jahre alt sei. Manche Fragen wurden erst im 21. Jahrhundert beantwortet, vermutlich auch falsch. Wir können Sonden zum Mars schicken, auf dem Mond landen. Aber ganz triviale Fragen, die ein Kind stellen könnte, sind noch immer nicht beantwortet. Warum wurden aus Affen Menschen? Zudem ist es eigentlich unmöglich, dass wir Menschen hier auf diesem Planeten entstehen konnten. Alle statistischen Betrachtungen über die Erdgeschichte schließen uns praktisch aus. Er deckt Widersprüche auf, belegt sie zusammen mit Fachleuten. Mit der Erderwärmung wird es in Nordeuropa wärmer? Falsch, es wird kälter. Die Begründung dafür ist absolut logisch, wenn man sie liest.

Bryson leistet eine Rückschau über die Geschichte der Wissenschaft, der Chemie, der Geologie, der Physik. Das ist der Kern des Buches. Er betrachtet auch die Personen, die diese Wissenschaften begründet oder geprägt haben. Ihre Macken, ihre Eigenheiten, ihre Persönlichkeiten, ihre Streits, ihr Versagen, ihre Niederlagen. Das ist die weiche Seite des Buches. Die harte ist eine andere, eine faktische. Es geht nicht um Wahrheit, sondern am Ende um die Frage, was wir wirklich unumstößlich wissen. Oder glauben zu wissen. Er erzählt von den Irrtümern der Wissenschaftler, über ihre Überheblichkeit, über ihre Schwächen, aber auch über ihre Stärken. Die Geschichte, die er erzählt, ist faszinierend für jeden Leser, der nur eine Spur von Interesse für Wissenschaft besitzt. Es ist angefüllt mit Aha-Erlebnissen, mit Fakten, die man nicht geglaubt hätte. Nun ist Bryson kein Wissenschaftler, sondern Schriftsteller. Die Konsequenz daraus ist, dass das Quellenverzeichnis des Buches knapp 50 Seiten umfasst. Er hat mit Dutzenden Wissenschaftlern persönlich seine Themen diskutiert.

Ein derart mit Fakten und Daten vollgestopftes Buch zu schreiben und den Leser bei der Stange zu halten, ist ein kleines Meisterwerk. Bryson weiß jedoch auch, wie man das genau macht, nämlich aus einem ganz fein abgestimmten Mix aus Naturwissenschaften, Geschichten erzählen und einer Prise Voyeurismus. Letzteres in dem Sinne, dass er zeigt, dass die großen Namen der Wissenschaften auch so ihre persönlichen Abgründe hatten, ihre Schwächen. In diesem Sinne ist dieses Buch, wie schon andere von ihm, nicht nur ein Genuss zu lesen, sondern auch ein großartiges Lehrbuch für Schreiber. Die aber 600 Seiten durchstehen müssen. Mir ist es leicht gefallen. Ein tolles Buch für Möchtegern-Wissenschaftler und Journalisten.

Nea Matzen – Onlinejournalismus

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Nea Matzen: Onlinejournalismus

Nea Matzen: Onlinejournalismus

Die Taschenbuchserie Wegweiser Journalismus des UVK-Verlages war mir schon mehrfach begegnet, kleine, aber gut geschriebene und hilfreiche Einführungen in verschiedene Themen des Journalismus. Das Buch Onlinejournalismus von Nea Matzen hatte ich kurz nach dem Buch von Henning Noske gekauft. Im Vergleich zu letzterem wirklich ein Taschenbuch. So stellte sich die Frage, wie viel Informationen und Hilfe ein so kleines Taschenbuch denn liefern kann. Und ich musste zugeben, dass es eine Menge ist.

Nea Matzens Buch ist ein klassisches Sachbuch, fachlich fundiert und wohl strukturiert. Was bei einer Autorin, die aus dem Printbereich kommt, die klassische Journalismusausbildung gegangen ist und heute bei tagesschau.de arbeitet, nicht wirklich wundert. Matzen nähert sich dem Thema nicht aus einer technischen Sicht, sondern aus Sicht des Journalisten. So sieht dann der Inhalt aus, vom Texten fürs Netz über Texteinstiege und Textaufbau  bis hin zu Darstellungsformen im Netz. Zwar geht sie auch auf den technischen Hintergrund ein, aber der ist nur Mittel zum Zweck. Für Matzen stehen die journalistischen Aspekte im Vordergrund, nämlich wie erfolgreiche Online-Texte entstehen, wann solche Texte erfolgreich werden können und warum. Sie beschreibt praktisch und anschaulich, wo die Unterschiede zwischen Print und Online liegen, wo Onlinejournalismus seine Stärken ausspielen kann und wie.

Der Ausgangspunkt Journalismus, nicht die Technik, ist die Stärke dieses Buches. Matzen schreibt aus journalistischer Sicht, nicht aus der Sicht des Nerds oder Technikers. Es geht um Texten, Textaufbau, Darstellung und Formate. Auch Blogs und Bilderstrecken kommen zur Sprache, bis hin zu Social TV und User Generated Content, aber eben nicht aus technischem Blickwinkel, sondern aus dem, den ein Journalist haben sollte. Am Ende geht es um Erfolg, der für Matzen nur solidem Handwerk beschert ist. Auch und gerade deshalb ein guter Einstieg für die, die in diesem Thema relativ neu sind und Orientierung in den verschiedenen Darstellungsformen suchen. Gut geschrieben, fokussiert, verständlich. Und doch gibt es einen Kritikpunkt: durch das häufige Einstreuen von Infoboxen in Orange und Grau leidet die Lesbarkeit. Nimmt man das in Kauf, ist dieses schmale Taschenbuch ein sehr guter Einstieg ins Thema.

Bill Bryson – Eine kurze Geschichte der alltäglichen Dinge

Bill Bryson: Eine kurze Geschichte der alltäglichen Dinge

Bill Bryson: Eine kurze Geschichte der alltäglichen Dinge

Normalerweise schreibe ich keine Rezensionen zu allgemeinen Büchern. Das tue ich hier auch nicht, sondern würde dieses Buch des Amerikaners Bill Bryson Schreibern aus einem ganz anderen Grund empfehlen. Weil man von Bryson lernen kann, wie man ein fast 600 Seiten dickes Buch über überflüssiges und nutzloses Wissen schreibt, ohne auch nur eine Seite lang zu langweilen. Weil Bryson ein sehr guter Schreiber ist, von dem man eine Menge lernen kann. Weil es genau zwei Dinge sind, mit denen Bryson den Leser fesselt und auf eine Reise vom Mittelalter in die Moderne mitnimmt.

In diesem Taschenbuch, das in keine Hosen- oder Jackentasche passt, erzählt Bryson ausgehend von dem alten Haus, in dem er jetzt in Nordengland lebt, wie all die Dinge entstanden sind, die wir heute für alltäglich halten. Die es aber 1851 noch nicht waren. Wie die heutigen Zimmer in unseren Häusern entstanden, wie man lernte, Besteck zu benutzen, wie die Häuser entstanden sind, welche Krankheiten die Menschen bis ins 20. Jahrhundert hinein geißelten und warum. Wie sich die Architektur aus dem Altertum heraus entwickelte, er erzählt auch die Wahrheit hinter dem Telefon, und dass früher einmal drei Streuer auf den Tischen standen, nicht nur Salz und Pfeffer, wobei niemand mehr weiß, was in dem dritten Streuer war. Bryson erzählt, ausgehend aus den Anfängen des 18. Jahrhunderts und früher, wie das Leben und Dasein in Großbritannien entstand, mit all seinen unzählbaren Zwischenschritten. So weit der Inhalt des Buches.

Dass es Bill Bryson nun schafft, jemanden wie mich, der sonst nur mit Begeisterung journalistische Fachbücher verschlingt, zum stringenten Lesen eines Sachbuches verleitet, liegt an zwei Dingen. Erstens ist Bryson ein Recherche-Monster. Alle Geschichten werden mit Namen, Daten und Fakten umrahmt, meistens mit Angabe der Quelle oder wer wo wie mit wem verwandt war. Seine Texte haben einen Detailreichtum, der das Lesen zu einer Tour de force durch das Leben an sich macht. Auf den ersten Blick mögen diese einzelnen Geschichten für sich allein stehen, erst mit der Zeit verbinden sie sich zu einem Gesamtbild der Entwicklung der Moderne. Zweitens schreibt Bryson einen Stil, der weder extrem farbig oder plakativ ist, aber genau den Spagat zwischen Alltagssprache und Literatur schafft, der den Text mühelos von der Seite in die Phantasie transportiert. Bryson lässt den Film im Kopf Wirklichkeit werden. Dazu gehört auch seine Fähigkeit, Humor und Ironie in einem gerade noch wahrnehmbaren Maße einzustreuen. An Bryson kann man sehr anschaulich lernen, wie man anschaulich schreibt. Das macht dieses Werk nicht nur zu einem wunderschönen Buch, sondern auch zu einem Lehrbuch des Schreibens.

Bill Bryson: Reif für die Insel

Bill Bryson: Reif für die Insel

Es ist mein drittes Buch von Bryson, die beiden ersten handelten von seiner Wahlheimat England. Und wie ein gebürtiger Amerikaner zu einem überzeugten Briten mutierte. Nach dieser kurzen Geschichte von den alltäglichen Dingen bin ich mir fast sicher, es war nicht das letzte Buch von Bill Bryson, das auf meinem Stehtisch landete. Eben weil ich als Schreiber so viel von ihm gelernt habe. Schon in seinem ersten Buch.

Sol Stein – Über das Schreiben

Sol Stein: Über das Schreiben

Sol Stein: Über das Schreiben

Schon als Kind mochte ich keine dicken Bücher. Als ich das Buch von Sol Stein auspackte, fragte ich mich, wie lange ich für dieses 450-Seiten-Werk wohl brauchen würde, wahrscheinlich Monate. Es wurden keine drei Wochen.

Sol Stein ist ein amerikanischer Lektor und Autor. Die Namensliste seiner Kunden, für die er lektoriert, ist das Who-Is-Who der amerikanischen Autorenszene. Daher ist das Buch auch zuerst für Autoren in der fiktionalen Literatur gedacht. Stein zeigt, wie man gute und bindende Texte schreibt, wie man Spannung aufbaut, wie man Geschwindigkeit steigert und zurück nimmt, wie man Texte strukturiert und so weiter. Das habe ich bei anderen Autoren auch schon gelesen, aber Stein ist der Erste, bei dem ich das Prinzip „Erzähle nicht, zeige“ tatsächlich verstanden habe. Dazu, wie man eben gute Texte schreibt, ohne Platitüden und Schemata, wie Texte emotional werden und anschaulich. Er kann die vielen Regeln und Verfahren für Texte plausibel und anschaulich darstellen, mit vielen Beispielen, kleinen Übungen und Auszügen. Netter Weise hat er aber nicht nur die Schreiber fiktionaler Texte im Sinn.

Etwa ein Drittel des Buches wendet sich an die nichtfiktionalen Schreiber wie Journalisten. Wie man auch eine Nachricht oder einen Bericht oder eine Reportage lebendig, packend und lesenswürdig verfasst, was Sprache bildhaft macht, was langweilige von spannenden Texten unterscheidet. Damit wird Über das Schreiben nicht nur ein großes Buch für Autoren von Romanen und Kurzgeschichten, sondern auch für Journalisten. Ein Buch, dass man nach dem Lesen und Durcharbeiten anders auf seine Texte schaut. Eben eines der wenigen großartigen Bücher.

Henning Noske – Online-Journalismus

Henning Noske - Online-Journalismus

Henning Noske – Online-Journalismus

Man könnte ja meinen, gerade als „digital native“, man wüsste schon alles. Lässt man etwas mehr Selbstkritik zu, kann man nie genug lernen. Deshalb kam das Buch Online-Journalismus – Was man wissen und können muss von Henning Noske in meinen Bestand. Etwas stutzig machte mich zuerst der Untertitel des Buches: Das neue Lese- und Lernbuch. Erst im Nachhinein habe ich verstanden, was gemeint war. Dieser Hinweis macht das Buch zum einen interessant und zum anderen wieder etwas sperrig und nicht immer einfach zu lesen. Und doch halte ich das Buch für hilfreich und gut.

Henning Noske ist ein ganz alter Hase, Jahrgang 1959 und Leiter der Stadtredaktion der Braunschweiger Zeitung. Damit kommt er erwartungsgemäß aus der alten Welt des Print-Journalismus. In diesem Buch beschreibt er seinen Weg aus dem klassische Print- in den Online-Journalismus, wie er begonnen hat, wo er heute gelandet ist und welche Erfahrungen er auf dem Weg mitgenommen hat. Deshalb ist das Buch ein Lesebuch, er nimmt den Leser mit auf seine Reise von der Schreibmaschine zum iPhone. Lernbuch ist es dann, wenn er Techniken und Themen im Online-Journalismus beschreibt. Damit pendelt Noske zwischen den Polen Autobiografie und Fachbuch. Das hat einmal etwas Erfrischendes, landet dann leider gelegentlich etwas zu sehr in der Klassik. Noske hält die Prinzipien des klassischen Journalismus sehr hoch, und das ist gut so, er will den Qualitäts-Journalismus in der Online-Welt sehen. Aber, ob eine kommentierte Listung des Pressekodex wirklich hilfreich ist, muss man für sich selbst entscheiden. Dafür ist eine Übersicht der Fachbegriffe und Produkte in der Online-Welt schon ein gelegentliches Aha wert.

Damit hängt das Buch ein wenig zwischen den Welten. Es ist kein wirkliches Sachbuch, eher ein Ratgeber und Tippgeber, wie man seinen Weg in den Online-Journalismus nehmen kann, was die Voraussetzungen sind und worauf man achten sollte oder muss. In dem Sinne ist es lesenswert. Wer allerdings ein knappes und kompaktes Lehrbuch für den Online-Journalismus erwartet, wird enttäuscht sein. Ich bereue die Lektüre des Buches nicht, es hat doch den Wert, dass es dem angehenden Online-Journalisten die kritischen Punkte und Pfade vor Augen führt. Oder dem schon gesetzten Online-Menschen noch den einen oder anderen Wecker stellt.

Roy Peter Clark – Kurz und gut schreiben

Kurz und gut schreiben

Kurz und gut schreiben

Roy Peter Clark ist ein guter Recycler. Sein Buch aus 2014 konzentriert sich auf Kurzprosa. Kurzprosa findet sich überall, als Werbetexte, in Twitter und Facebook, auf Toilettentüren und auf Zetteln in Glückskeksen. Genau genommen unterscheidet sich dieses Buch nicht wesentlich von 50 Werkzeuge für gutes Schreiben, er geht hier konzentrierter auf Methoden und Verfahren für kurze und kompakte Texte ein. Diese beiden Bücher, dieses und 50 Werkzeuge, ergänzen sich, in einigen Abschnitten wiederholen sie sich. Ich würde Kurz und gut schreiben als Ergänzungsband zum obigen Buch betrachten. Zielthema sind kurze Texte und wie man Inhalte und Umfang fokussiert. Für Leser des obigen Buches nicht immer neue Erkenntnisse, aber als Ergänzung für die Welt des Digitalen sinnvoll. Das macht er im ersten Drittel des Buches auch sehr gut. Tatsächlich kommen viele Tipps und Beispiele zur Sprache, wie Sprache eindeutig, klar und korrekt wird. Dabei geht Clark auf den aktuellen Stand der Kommunikation ein, auf Twitter und andere Online-Dienste.

Roy Peter Clark arbeitet immer mit vielen Beispielen und anschaulichen Zitaten, das macht seinen Stil aus. In diesem Buch bleibt er dabei, das erzeugt Praxisnähe, nicht ohne gewisse Seitenhiebe auf andere Autoren, oft humorvoll und sehr lesbar geschrieben. Ich würde empfehlen, entweder Kurz und gut schreiben oder 50 Werkzeuge zu lesen. Beide zusammen ergeben einige Redundanz.

Bücher, Sparte unverzichtbar

Sol Stein: Über das Schreiben

Sol Stein: Über das Schreiben

Schon als Kind mochte ich keine dicken Bücher. Als ich das Buch von Sol Stein auspackte, fragte ich mich, wie lange ich für dieses 450-Seiten-Werk wohl brauchen würde, wahrscheinlich Monate. Es wurden keine drei Wochen. Sol Stein ist ein amerikanischer Lektor und Autor. Die Namensliste seiner Kunden, für die er lektoriert, ist das Who-Is-Who der amerikanischen Autorenszene. Daher ist das Buch auch zuerst für Autoren in der fiktionalen Literatur gedacht. Stein zeigt, wie man gute und bindende Texte schreibt, wie man Spannung aufbaut, wie man Geschwindigkeit steigert und zurück nimmt, wie man Texte strukturiert und so weiter. Das habe ich bei anderen Autoren auch schon gelesen, aber Stein ist der Erste, bei dem ich das Prinzip “Erzähle nicht, zeige” tatsächlich verstanden habe.

Dazu, wie man eben gute Texte schreibt, ohne Platitüden und Schemata, wie Texte emotional werden und anschaulich. Er kann die vielen Regeln und Verfahren für Texte plausibel und anschaulich darstellen, mit vielen Beispielen, kleinen Übungen und Auszügen. Netter Weise hat er aber nicht nur die Schreiber fiktionaler Texte im Sinn. Etwa ein Drittel des Buches wendet sich an die nichtfiktionalen Schreiber wie Journalisten. Wie man auch eine Nachricht oder einen Bericht oder eine Reportage lebendig, packend und lesenswürdig verfasst, was Sprache bildhaft macht, was langweilige von spannenden Texten unterscheidet. Damit wird Über das Schreiben nicht nur ein großes Buch für Autoren von Romanen und Kurzgeschichten, sondern auch für Journalisten. Ein Buch, dass man nach dem Lesen und Durcharbeiten anders auf seine Texte schaut. Eben eines der wenigen großartigen Bücher.

Change

Ob Frau S. eine Ahnung hat, wie sehr sie mich inspiriert? Lange konnte ich ihr nicht aus dem Weg gehen, so traf ich sie vor ein paar Tagen an der Garage. Sie schaute angestrengt und in gebückter Haltung an ihrem schwarzen Auto entlang, da musste irgendwo so etwas wie ein Streifen sein, den bestimmt Frau K. in der Garage beim Einsteigen mit ihrer Umhängetasche verursacht haben musste. Frau K. passt ja nie auf, und frech ist sie auch noch. Sie schauen ja immer nach, ob irgendetwas am Auto ist, auch wenn sie in der Stadt waren. Und dass Frau K. immer so aufstampfen würde, deshalb sei meine Vormieterin auch völlig entnervt ausgezogen. Mein Kenntnisstand bezüglich des Auszuges an dieser Stelle ist ein völlig anderer, auch den Zustand der Wohnung nach Frau W.’s Auszug wollte ich an dieser Stelle nicht einbringen. Das Problem mit dem lauten Rolladen-Herunterlassen überspringe ich jetzt. Und das Garagentor, morgens um acht. Geschlagene zwölf Minuten meiner Arbeitszeit hat es mich gekostet. Ich gehe darauf später noch einmal ein.

Veränderung ist für Frau S. wohl nicht mehr möglich, aber wie weit ist Veränderung überhaupt möglich, wenn sie an die Grundfeste der wirtschaftlichen Existenz geht, an den Job, den Beruf? Und was kann man von so einer Veränderung überhaupt erwarten? Was ist noch möglich, und wie?

Ich vermute, dass Frau S. solche Zeiten nicht hat wie ich in den letzten Wochen. Zeiten Neues zu sehen und zu erleben, Bücher zu lesen, die nachdenklich machen und die helfen, eigene Fragen und Grenzen in Frage zu stellen. Ein solches Buch ist „Lebe deine wirkliche Berufung: Der spirituelle Weg“ von Guido Ernst Hannig. Zuerst hat mich der Titel etwas abgeschreckt, Spiritualität ist nicht unbedingt ein Modewort heute. Hannigs Ansatz ist jedoch keine verquere Esoterik, sondern er betrachtet die Fragen der beruflichen und damit persönlichen Veränderung oder Entscheidung aus der Sicht der inneren Berufung. Was diese innere Berufung ist, woher sie stammt und wie sich zeigt, stellt er an konkreten Fällen dar, nicht aus theoretischer Betrachtung. Dass sich Hannig dabei auf christliche Tradition und universale Bestimmung beruft, kann zuerst ablenken, tatsächlich führt er uns auf ganz ursprüngliche Botschaften zurück, die uns aus der abendländischen Welt vertraut sind. Auf diese Weise führt er bekannte Leitlinien und neue Sichtweisen zusammen.

Ziel seines Buches ist nicht nur das Erkennen seiner inneren Berufung, sondern auch das Finden eines Weges gegen die inneren Widerständes des Egos und der Vernunft, der Umgang mit der Umgebung und das Einbetten der Veränderung in den Alltag. In diesem Sinne weit ab von Theorie und Philosophie, und immer im Bewusstsein, dass berufliche Veränderung auch persönliche bedeutet, davon nicht zu trennen ist. Somit berufliche Veränderung als ein Teil der Selbstfindung, Bereitschaft zur Veränderung als Erweiterung des inneren Horizontes. Ein gut lesbares und lesenswertes Buch, nicht nur mit dem Willen zur beruflichen Entscheidung.

Die innere Familie

Die meisten kennen sicher das Gefühl, das einen beschleicht, wenn man mit bestimmten Personen zusammen kommt, oder Beklemmungen in gewissen Situationen, oder dass man an einer Stelle immer wieder gleich reagiert, obwohl man sich hinterher an den Kopf fasst und es doch beim nächsten Mal ganz anders machen wollte. Die möglischen Gründe für diese Situationen und Verhaltensweisen behandelt Schwartz in seinem Buch „IFS – Das System der Inneren Familie“. Schwartz führt ein Therapiemodell ein, das davon ausgeht, dass neben unserem eigentlichen Selbst noch weitere Teile in uns existieren, die situationsabhängig und individuell die Regie übernehmen, ohne dass es uns immer bewusst wird. Sein Modell ist frappierend einfach und geht weg von pathologisierenden Betrachtungen und problemanalysierenden Verfahren. Stattdessen führt er ein Modell ein, das zur eigenen Wertschätzung, Achtsamkeit und Selbstführung anleitet.

Was das Buch so lesenswert und interessant macht, ist nicht nur der Ansatz, den Schwartz einführt, sondern auch die selbstkritische, praxisbezogene und realistische Art, wie er die Sache angeht. Er umreißt ein Modell, das in uns verschiedene innere Akteure einführt, denen wir nicht so hilflos ausgeliefert sind, wie wir es allgemein annehmen. Stattdessen zeigt er Methoden auf, die solche Kräfte wie beispielsweise Das Kind, Den Kritiker oder Den Einpeitscher sichtbar und erfahrbar werden lassen. Dabei gibt er keine solchen Strukturen vor, sondern ermuntert zum Finden der ganz eigenen Anteile in sich. Das Ziel kann in zwei Richtungen liegen, einmal als eine Methode für den Therapeuten, aber auch für denjenigen, der sich mit solchen inneren Vorgängen näher auseinandersetzen möchte oder muss. Im Kern geht es darum, zu sehen, und idealerweise auch zu steuern, was uns in Situationen treibt oder bremst, und warum wir scheinbar beliebig immer wieder in die gleichen Fettnäpfchen latschen.

Es ist weder Ratgeber noch Lehrbuch, eher eine praktische Anleitung für eine neue Betrachtungsweise unseres Inneren und was uns steuert. Und über mögliche Ansätze, diese Einflüsse unserer Inneren Familie zu vermindern. Eines der besten Bücher, die ich seit langer Zeit in der Hand gehabt habe.